Volker Reinhold spielt die erste Geige


Volker Reinhold ist seit 1989 Konzertmeister der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin. In Teil 9 unserer Orchesterserie spricht der Musiker über das Leben im Orchester.
Die Streicher klingen noch etwas rau, die Holzbläser stimmen sich ab, irgendwo übt eine Bratsche eine schwierige Passage. Volker Reinhold sitzt vorn links, die Geige auf dem Knie, und liest in den Noten. Dann hebt der Dirigent den Taktstock.
So ist das seit 37 Jahren. Jeden Morgen, fast jeden Abend. „Ich bin nach dem Konzert völlig nass geschwitzt." Das sagt er mit einem leichten Lächeln. Volker Reinhold ist als Konzertmeister der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin jemand, der sich keine Halbheiten leistet.
Als Tischler an der ersten Geige

Volker Reinhold ist auf einem Umweg zur Geige gekommen. Er wuchs in der DDR auf, begann mit sieben oder acht Jahren Geige zu spielen, ohne besondere familiäre Vorbilder. Sein Vater war zwar musikalisch, spielte aber kein Instrument. Die Verwandten väterlicherseits dagegen – eine ganze Musikerfamilie.
Er selbst? Lernte erst Tischler. Ein „richtiger" Beruf, wie er verschmitzt sagt. Dann die Armee, anderthalb Jahre. Dann, mit 20 oder 21, endlich das Studium bei Prof. Gerhard Bosse, 30 Jahre lang Konzertmeister des Gewandhausorchesters Leipzig. „Ein Glücksgriff", sagt Volker Reinhold.
Und dann nach dem Studium selbstverständlich die Probespiele. „Ich hab insgesamt nur fünf Probespiele gemacht", sagt er. Heute, wo junge Musiker 30, 40, manchmal 50 Auditions absolvieren, klingt das fast unwirklich. „Heute kommen Japaner, Koreaner, Chinesen, Spanier, einfach junge Musiker aus aller Welt und spielen sagenhaft."
Dieser Fakt trifft eine Wunde, ganz beiläufig. Volker Reinhold ist Vater eines Geigers. Er weiß, was die Konkurrenz heute bedeutet. Gleichzeitig bewundert er all die jungen Musikerinnen und Musiker.
Mecklenburgisches Staatstheater / Großes Haus / Ballettabend „Ravel“
6. Oktober 2016 Generalprobe
Ballett von Jutta Ebnother mit der Musik von Maurice Ravel
Musikalische Leitung: Martin Schelhaas
Choreographie: Jutta Ebnother
Ballettensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters
Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin
Solist: Volker Reinhold, Violine
Was ein Konzertmeister wirklich tut

Was der Konzertmeister leistet, passiert zu großen Teilen weit vor dem Abend selbst. Volker Reinhold schaut sich die Noten manchmal ein Jahr im Voraus an. Er prüft, ob das Streichermaterial spielbar ist. Er entscheidet, ob Bogenstriche funktionieren und bereitet seine Violin-Soli vor. Dabei sind ausgewachsene virtuose Soli wie „Schwanensee“, „Ein Heldenleben“ oder „Scheherazade“ genauso herausfordernd und aufregend wie kleinste solistische Passagen in „La Traviata“ ganz am Ende eines langen Opernabends.
„Es ist natürlich nicht so, dass ich das Gefühl habe, ein ganzes Konzert oder eine Vorstellung alleine schultern zu müssen, aber doch habe ich auf meiner Konzertmeisterposition eine unglaubliche Verantwortung und von mir hängt viel ab. Wird der Abend mittelmäßig, gut oder überragend? Ich muss für jeden mitdenken", sagt er.
Das klingt nach Kontrolle. Ist aber eher das Gegenteil davon. Denn gleichzeitig muss er lesen, wie die Menschen im Orchester ticken. Wer braucht Zeit zum Ausspielen eines cantablen Holzbläser-Solos? Wer kommt im Probenprozess eventuell mit direkter Ansage nicht unbedingt zurecht. Wer spielt vielleicht sogar noch besser, wenn man selbstverständlich auch seine musikalischen Ideen aufgreift.
Volker Reinhold bleibt aufmerksam dafür, ob der andere sich ernst genommen fühlt. Das ist keine Taktik. Es ist die Grundbedingung eines funktionierenden Orchesters.
Das Orchester als Organismus
Das Gefüge eines Orchesters hat sich verändert. Als Volker Reinhold anfing, war seine Geigengruppe überaltert. Dafür wussten die erfahrenen Kollegen, wie eine „La Bohéme“ funktioniert, wie die Abläufe sind. Weil man einfach manche Erfahrung erst im Laufe eines langen Orchesterlebens gewinnt: „Die haben mir manchmal den Arsch gerettet. Hatte ich doch nach dem Studium kaum Orchestererfahrung. Heutzutage kommen junge Musikerinnen und Musiker mit sehr viel Berufspraxis ins Orchester", sagt er dankbar rückblickend.
Heute ist das Orchester jung, internationaler, weiblicher. Frauen seien, findet er, oft früher reif in ihrer musikalischen Entwicklung. Sie wüssten früher, was sie wollen, und das zähle in diesem Beruf enorm. Wer mit zehn Jahren weiß, dass er Musikerin oder Musiker werden will, übt anders.
Schwerin, wo man sich kennt

Es gibt etwas an dieser Stadt, das Volker Reinhold schätzt. Er geht durch Schwerin, und Leute grüßen ihn. Leute, die er gar nicht kennt. Abonnenten, wahrscheinlich Stammpublikum. In Hamburg oder Berlin würde das nicht passieren. Dort verschwindet man in der Masse.
„Das ist schon etwas Schönes", sagt er. Und wenn einer ihn fragt, ob er ins nächste Konzert gehen oder die kommende Opernvorstellung besuchen soll, dann sagt er schon, was er denkt. Er kann gar nicht anders.
Was ihn dagegen beschäftigt: die Außenwahrnehmung des Orchesters. Konzertbesprechungen gibt es kaum noch in der Zeitung. Das kulturelle Bewusstsein in der Schule schwindet. Volker Reinhold hat das Gefühl, es geht etwas unwiederbringlich verloren.
Sein Herzenswunsch
Wann er aufhört? Er weiß es nicht genau. Er möchte gerne noch eine erfüllte musikalische Zeit im alten Haus verbringen, wenn der Umbau endlich fertig ist. Vielleicht verabschiedet er sich mit Beethovens Neunter Sinfonie. Noch mal eine „Scheherazade“ oder ein „Heldenleben“ am Alten Garten, das wäre ein Traum.
Und dann? Dann wird jemand anderes an Pult eins sitzen. Volker Reinhold hat sich gut mit seinem Stellvertreter arrangiert. Manchmal schlägt einer etwas vor, der andere sagt, das sei totaler Unsinn, und dann machen sie es trotzdem so, wie der erste es vorgeschlagen hat. Orchester eben.
„Wir sind ein sehr nettes Orchester. Vielleicht das netteste der Welt. Das sagen alle Kollegen, die herkommen."