16.03.2026

„Besonderes Team, in dem alle mitziehen”

Porträt einer Frau. Die Frau ist die Operndirektorin Anna Kausche.
Orchesterdirektorin Anna Kausche

Von der Planung bis zur Premiere. Unser Interview mit Orchesterdirektorin Anna Kausche über ein komplexes Puzzle in der Vorbereitung – und den schönsten Moment nach dem Konzert. Teil 2 der Serie: Hier spielt die Staatskapelle!


Mecklenburgische Staatskapelle. Was macht das Orchester aus?

Anna Kausche: Die Musiker und Musikerinnen mit ihren Ideen. Wir sind ein internationales Team, in dem verschiedene Generationen aufeinandertreffen – von Kollegen und Kolleginnen mit über 40 Jahren Orchestererfahrung bis hin zu jungen Talenten, die erst seit ein paar Monaten fester Bestandteil des Orchesters sind, sowie Akademistinnen und Akademisten, die ihr Studium pausieren, um für eine begrenzte Zeit bei uns zu sein. Jede/r bringt sich ein und gestaltet mit.

Von außen betrachtet ist es ein normales Berufsorchester an einem Mehrspartentheater. In unserem Fall fast 60 Musikerinnen und Musiker – Streicher/innen, Blech- und Holzbläser/innen, eine Harfenistin, Schlagzeuger und Pauker, die im Rahmen von Konzerten, Opern und Balletten zu hören sind - im Orchestergraben, auf der Bühne und an ausgesuchten Orten. Doch darüber hinaus blickt die Mecklenburgische Staatskapelle auf eine Geschichte zurück, die im Jahr 1563 mit Herzog Johann Albrecht I. beginnt. Diese lange Tradition ist tief im Bewusstsein verankert – sie wird gepflegt, aber gleichzeitig in neuen Formaten und der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen künstlerischen Persönlichkeiten immer wieder neu gedacht und weiterentwickelt.

In der täglichen Arbeit zeigt sich ein hoher Anspruch und eine große Ernsthaftigkeit. Das Orchester hat eine enorme Spielfreude, aber auch seine eigenen Ideen und den Willen, gemeinsam etwas Einzigartiges entstehen zu lassen.


Sie sind die Orchesterdirektorin. Welche Aufgaben haben Sie?

Als Orchesterdirektorin bewege ich mich zwischen Kunst und Organisation. Meine Aufgabe ist es dafür zu sorgen, dass die Musiker und Musikerinnen bestmögliche Bedingungen haben, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können – auf die Musik. Ein großer Teil meiner Arbeit besteht aus Planung und Abstimmung, oft weit im Voraus, aber auch tagesaktuell. Dazu kommen viele Gespräche und Absprachen: mit Dirigent/innen, mit Solist/innen und Kolleg/innen – kurzum: eine ganze Menge Organisation. Mir ist wichtig, Dinge transparent zu machen, zuzuhören und unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Wenn am Ende ein reibungsloser künstlerischer Prozess entsteht und alle wissen, woran sie sind, dann habe ich meinen Job gut gemacht.


Wer entscheidet eigentlich, was gespielt wird?

Aktuell entstehen unsere Programme sehr stark im Austausch zwischen unseren Gastdirigent/innen, Solist/innen, dem Orchestervorstand, Kapellmeistern und mir. Wir überlegen gemeinsam: Was ist spannend für unser Publikum? Welche Komponist/innen könnten die Zuhörer/innen interessieren? Was haben wir lange nicht gespielt? Wo können wir uns weiterentwickeln? Was können wir mit unseren Mitteln umsetzen? Aus diesen Gesprächen wächst Schritt für Schritt ein roter Faden für den Spielplan.

Wie viele Termine, Beratungen, Proben fallen an, bis ein Konzert zur Premiere ansteht?

Die Vorbereitungen starten oft eineinhalb bis zwei Jahre vor der ersten Orchesterprobe. Es ist ein komplexes Puzzle: Was wollen wir unserem Publikum zeigen? Welche Werke passen zusammen? Wer dirigiert? Welche Besetzung wird benötigt? Wo kann das Konzert stattfinden? Alles hängt mit allem zusammen und jede Entscheidung bringt neue Fragen mit sich: Wie gestaltet man den Orchesteraufbau? Gibt es das passende Notenmaterial, in der richtigen Ausgabe? Ach ja, und alles muss bei uns in die Planung eines 6-Sparten-Hauses passen.

Mit der Veröffentlichung der Saisonbroschüre sollten im besten Fall alle Programme, Orte und Mitwirkende feststehen, damit wir rechtzeitig informieren können. Der Kartenverkauf soll früh genug starten, damit sich Besucher/innen ihre Termine vormerken, Karten verschenken oder Reisen planen können.

Wenn das Orchester schließlich zur ersten Probe zusammenkommt, ca. eine Woche vor dem Konzert, liegt der Großteil der Logistik bereits hinter uns. Die Proben sind dann dafür da, Musik entstehen zu lassen und im besten Fall merkt man dem Konzert später gar nicht an, wie viel Vorbereitung nötig war, weil es sich auf der Bühne ganz selbstverständlich anfühlt.


Wie läuft eine typische Probenwoche ab?

Wie intensiv eine Probenwoche vor einem Sinfoniekonzert ist, hängt von der Komplexität des Programms ab. In der Regel beginnt die Woche mit drei bis fünf Proben – bei uns Dienste genannt – im Orchesterprobensaal im Marstall. Geprobt wird meist zweimal täglich, vormittags ab 10 Uhr und abends ab 19 Uhr, wobei ein Dienst zweieinhalb Stunden dauert. Zwischen den Proben oder an dienstfreien Tagen vorab bereiten sich die Musiker/innen individuell vor.

Die erste gemeinsame Probe dient vor allem der Orientierung. Es ist immer wieder spannend, wenn aus den einzeln vorbereiteten Stimmen ein Gesamtklang wird – man hört sich gegenseitig und entdeckt Nuancen, die auf dem Papier ganz anders wirken. Zum Ende der Woche wechseln wir an den jeweiligen Konzertort. In der Hauptprobe, die vorletzte Probe vor dem Konzert, kommen in der Regel die Solist/innen dazu, und die Generalprobe ist schließlich der letzte konzentrierte Durchlauf, bevor das Konzert bereit für das Publikum ist.


Von der Planung bis zur Premiere: Wie viele Kolleginnen und Kollegen sind beteiligt?

An einem Konzert – und genauso im Musiktheater oder Ballett – sind sicher weit über 100 Menschen beteiligt. Die Künstler/innen auf der Bühne arbeiten eingebettet in ein großes Team. Dazu gehören das Orchesterbüro und die Disposition, die Orchesterwarte, die sich um die Logistik, Notenpulte, Orchesterstühle, Aufbau, Abbau sowie Transporte der großen Instrumente kümmern, die Verwaltung, ebenso wie Kasse, Einlassteams, Bühnentechnik, Ton und Licht. Im Hintergrund sorgen Kolleginnen und Kollegen aus Marketing, Presse und Dramaturgie dafür, dass das Publikum von den Veranstaltungen erfährt und sie einordnen kann.

Im Musiktheater und Ballett kommen weitere Gewerke hinzu: Maske, Kostüm, Inspizienz, Korrepetitor/innen, Regieteams, Choreograph/innen sowie externe Partner/innen z.B. Künstleragenturen. All diese Bereiche greifen ineinander. Was am Ende wie ein selbstverständlicher Abend wirkt, ist das Ergebnis dieser gemeinsamen Arbeit.

Eine Musikerin spielt auf ihrer Geige.
Das Logo der Serie. Die Serie heißt: Hier spielt die Staatskapelle.
Blick ins Orchester. In der Mitte: der Dirigent.
Sechs Musiker spielen Flöte und Klarinette.

Was passiert vor einem Auftritt – gibt es Rituale hinter den Kulissen?

Es herrscht eine ganz besondere Spannung vor dem Auftritt: Ruhe, Konzentration, manchmal ein kurzer Austausch, bevor es auf die Bühne geht. Man merkt jedes Mal aufs Neue, wie Stress und Alltag dem absoluten Konzertfokus weichen. Die eigentlichen, individuellen Rituale der Vorbereitung sind dabei so vielfältig wie das Orchester selbst.


Hat ein Orchester eigentlich Lieblingsstücke?

Jede/r Musiker/in bringt ganz eigene Vorlieben und Erfahrungen mit. Die Palette reicht von Barock über Romantik bis hin zu Neuer Musik oder Pop. Genau diese Vielfalt macht ein Orchester aus: unterschiedliche Expertisen, musikalische Prägungen und Lieblingswerke kommen zusammen und beeinflussen den gemeinsamen Klang.


Und Sie persönlich: Was ist Ihre Lieblingsmusik?

Eine besondere Bedeutung hat für mich Gustav Mahlers 1. Sinfonie. Sie war mit ca. 16 Jahren so etwas wie meine Einstiegsdroge in die klassische Musik. Von dort aus habe ich unglaublich viel entdecken dürfen, wie Missy Mazzoli oder Florence Price. Diese Musik eröffnet emotionale Welten – sie kann einen forttragen, zum Nachdenken bringen, auffangen oder regelrecht fliegen lassen. Genau diese Vielfalt fasziniert mich bis heute.

Ansonsten findet man in meinen Playlists und im Plattenschrank einen bunten Mix – vom Jazztrompeter Miles Davis bis zur isländischen Sängerin Björk. Diese Offenheit fürs Hören empfinde ich als großes Geschenk. Wichtig ist mir, dass Musik etwas auslöst – Konzentration, Ruhe, Energie oder einfach Neugier.


Wann sind Sie mit einem Auftritt zufrieden?

Wenn unser Publikum glücklich nach Hause geht. Das klingt vielleicht nach einer Floskel, aber so ist es. Es geht nicht um die Anzahl richtig gespielter Töne. Es geht um die Energie, die durch die Musik entsteht – getragen von Konzentration, gegenseitigem Zuhören und dieser besonderen Verbindung zwischen Bühne und Publikum. Wenn man spürt, dass genau diese Energie da war, die inspiriert, glücklich macht, emotional bewegt oder zum Denken anregt, dann war es ein guter Abend.

Blick auf eine Bühne. Auf der Bühne spielt die Staatskapelle.

Was war bisher Ihre größte Herausforderung als Orchesterdirektorin?

Die größte Herausforderung ist für mich weniger ein einzelnes Ereignis als die permanente Balance, die dieser Beruf verlangt: zwischen künstlerischem Anspruch und organisatorischer Realität, zwischen langfristiger Planung und plötzlichen Veränderungen. Gerade in Zeiten, in denen verlässliche Rahmenbedingungen nicht selbstverständlich sind, braucht es Klarheit, Geduld und viel Kommunikation. Offen zu bleiben, zuzuhören und sich treu zu bleiben, ist eine tägliche Herausforderung, an der ich stetig wachse.


Und welcher war Ihr schönster Moment?

Mein bislang schönster Moment war der Applaus nach dem ersten Sinfoniekonzert im Theaterzelt. Es war ein besonderer Abend: ein neuer Ort, ein besonderes Programm, mit einem Solokonzert für Recycling-Schlagwerk sowie der 1. Sinfonie von Florence Price – und die große Frage, wie sich ein Sinfoniekonzert im Zelt anfühlen würde. Als der Applaus kam und ich in die strahlenden Gesichter im Zuschauerraum und auf der Bühne gesehen habe, spürte ich Begeisterung, Zusammenhalt und den gemeinsamen Willen, solche Konzerterlebnisse möglich zu machen, egal unter welchen Umständen. 

Es ist ein besonderes Team, in dem alle mitziehen – unser tolles Publikum, die Musikerinnen und Musiker genauso wie die Kolleginnen im Orchesterbüro, unsere Orchesterwarte und die Technik. Genau daraus entsteht am Ende dieser besondere Moment im Konzert.

Unser Konzerttipp für April

Sinfoniekonzerte am 10., 11., 12., 13. April im Theaterzelt am Küchengarten. Zwischen Klanggewalt und feinem Witz. Brahms’ „Tragische Ouvertüre” entfaltet eine düstere, leidenschaftliche Klanglandschaft. Darauf folgt Strauss’ „Don Juan”, ein opulentes Feuerwerk voller Dramatik und Sinnlichkeit. In „subito con forza” begegnet dem Publikum ein greller, kontrastreicher Reflex auf Beethoven – explosiv und faszinierend. Schließlich präsentiert sich Beethoven selbst in seiner 8. Sinfonie, augenzwinkernd und überraschend, virtuos und alles andere als brav. 


Kartentelefon: 0385 53 00-123
kasse@mecklenburgisches-staatstheater.de
www.mecklenburgisches-staatstheater.de