Die Frau für gute Noten





Ein Instrument spielt Ilka Hermann nicht. Für die Mecklenburgische Staatskapelle spielt sie trotzdem oft die erste Geige. Ilka Hermann ist Notenbibliothekarin. Ohne sie würde bei Auftritten der Staatskapelle kein Ton erklingen. Teil 5 der Orchesterserie.
Jedes Konzert der Staatskapelle beginnt weit abseits der großen Bühne. Am Ende von Türen und Fluren im Kulissenhaus. In einem kleinen Raum, neben der Treppe zum nächsten Stock. Hier sitzt Ilka Hermann. Ihr Büro ist der Dreh- und Angelpunkt für das A und O aller Auftritte der Staatskapelle: die Noten.
Beethoven. Jean Sibelius. Johannes Brahms. Missy Mazzoli. Richard Strauß. Unsuk Chin. Bevor ihre Musik den Weg ins Programmheft finden kann, muss Ilka Hermann für jedes einzelne Stück klären: Woher kommen die Noten? „Der erste Blick führt immer in unsere Notenbibliothek.“ Hier haben sich im Laufe der Jahrhunderte mehr als 1800 Orchestermaterialen angesammelt. Klavierkonzerte. Sinfonien. Einzelne Arien.
Eines der ältesten Musikstücke in den Regalen ist „Alessandro Stradella“, eine Oper von Friedrich von Flotow aus dem Jahr 1844. „Viele von den ganz alten, handschriftlichen Stücken in unserem Bestand haben wir aber an die Landesbibliothek abgegeben.“ Ganz aktuell auch „Alessandro Stradella“. „Die Bibliothek hat viel bessere Möglichkeiten, das alte Papier gut geschützt aufzubewahren.“
Findet Ilka Hermann ein gesuchtes Musikstück nicht im Archiv, heißt es: weiter recherchieren. Bei ihrem Musikalienhändler, bei Musikverlagen oder in einem Onlineportal, auf dem mehr als 700 Verlage aus aller Welt vernetzt sind. Manchmal hat sie die Wahl zwischen verschiedenen Ausgaben oder Fassungen. „Dann muss ich mich mit dem Dirigenten abstimmen, welche Variante er bevorzugt.“
Kaufen oft günstiger als leihen
Hat Ilka Hermann die passenden Noten gefunden, ist die nächste Frage: Kaufen oder leihen? „Am liebsten kaufe ich. Zum einen ist das meistens günstiger. Zum anderen sind die Stücke dann Eigentum des Theaters und wir können sie so oft spielen, wie wir wollen.“ Mit jedem dazugekauften Stück wächst auch der Bestand der Notenbibliothek. Doch: Nicht immer ist kaufen auch möglich. „Insbesondere wenn Werke noch dem Urheberrecht unterliegen, können wir die Stimmsätze oftmals nur leihen.“
Ein seltener, aber besonderer Moment in ihrer Arbeit sind Werke, die extra für die Mecklenburgische Staatskapelle komponiert wurden. Aktuell zum Beispiel „Hexenholz“, ein Singspiel nach dem Märchen „Hänsel und Gretel“, das am 23. Mai auf dem Berliner Platz Uraufführung hat. Oder die Musik zum Ballett „Quid si sic“. „Bei solchen Uraufführungen kümmere ich mich auch um die Herstellung der Stimmen für jedes einzelne Instrument, damit aus PDFs gedruckte und gebundene Noten werden. Dabei achte ich zum Beispiel darauf, dass die Noten eine gut lesbare Größe haben und dass die Stimmen so gebunden sind, dass die Musikerinnen und Musiker während des Spiels gut umblättern können.“
Bunte Programme brauchen Zeit
Konnte sie schon einmal einen Notenwunsch nicht erfüllen? „Auch das kommt vor. Beim letzten Neujahrskonzert, zum Beispiel, wollte der Dirigent eine Ouvertüre von Cole Porter spielen. Ich habe einen Verlag dafür gefunden. Dieser hatte die Ouvertüre aber nicht als Einzelausgabe auf Lager und konnte uns auch nicht das komplette Material liefern, um die Ouvertüre daraus spielen zu können. Am Ende mussten wir das Programm entsprechend ändern.“
Bis feststeht, ob eine Programmidee der Orchesterleitung es auch auf die Konzertbühne schafft, können manchmal Monate vergehen. „Vor allem bunte Programme wie das Neujahrskonzert oder die MeckProms nehmen oft Zeit in Anspruch und brauchen viel Vorlauf, weil sie aus vielen einzelnen Stücken bestehen und wir für jedes einzelne davon die Rechte an der Nutzung klären müssen.“ Umgedreht sei es manchmal auch nur eine Frage von Minuten. „Haben wir die Noten im Archiv, reicht ein Griff in die Bibliothek.“
Sind für die laufende Konzertsaison alle Noten schon vorhanden? „Für Konzerte, in denen die Programme schon feststehen, ja. An manchen Stellen befinden wir uns aber auch noch im laufenden Prozess. Zum Beispiel bei den MeckProms.“
Jede Note wandert über ihren Tisch
Wenn Ilka Hermann alle Noten für das nächste Konzert zusammen hat, gibt sie den Musikerinnen und Musikern Bescheid. Sind die Mappen und Stimmen an die Staatskapelle verteilt, endet ihre Arbeit für den Moment. Nach dem Konzert spielt die Musik wieder bei ihr: „Dann muss ich darauf achten, dass alle Noten zu mir zurückkommen, damit ich sie an die Verlage zurückschicken oder in unser Archiv einsortieren kann.“
Ganz gleich, welche Noten die Mecklenburgische Staatskapelle, Musiktheater oder Chor benötigen: Jede einzelne wandert über ihren Tisch. Seit mehr als 20 Jahren. Ist sie denn auch dabei, wenn das Orchester die Noten zu Tönen erweckt? „Oh ja! Ich gehe gern ins Konzert oder Musiktheater.“
Wenn dort der letzte Ton verstummt und Beifall das Theaterzelt füllt, dann gebührt ein Stück vom Applaus auch Ilka Hermann. Applaus!
Die Serie auf Kultur-MV.de
Unser Überblick
Teil 1: Hier spielt die Staatskapelle!
Teil 2: Die Orchesterdirektorin im Interview
Teil 3: Die Geschichte der Staatskapelle
Teil 4: Interview mit der Cellistin Kathrin Vogler-Georgi
Teil 5: Die Notenbibliothekarin
Teil 6: Die Spielorte der Staatskapelle
Teil 7: Der Glanz der Trompeten
Teil 8: Die Orchesterwarte

