„Wenn das gut läuft, entsteht Wunderbares“

Kathrin Vogler-Georgi spielt seit mehr als 30 Jahren Cello in der Mecklenburgischen Staatskapelle. In Teil 4 unserer Orchesterserie spricht sie über Probespiele, den Moment der Stille vor dem ersten Ton – und weshalb sie froh ist, noch dabei zu sein.
Sie kam spontan. Kein Bewerbungsschreiben, kein Vorlauf. Nur der Tipp einer Freundin, ein Zug von Halle nach Schwerin und ein freier Pultplatz im Cello-Register der Staatskapelle. Das war 1989/1990, kurz vor der Wende. Kathrin Vogler-Georgi bekam die Stelle und blieb. Bis heute.
In unserer Orchesterserie erzählt sie, was ein Probespiel mit einem macht, wie sich eine Probe anfühlt, wenn Dirigent und Orchester wirklich im Dialog sind, und warum sie die junge Generation, die gerade in die Staatskapelle einrückt, schlicht für großartig hält. Unser Interview.

Sie wollten ursprünglich Medizin studieren und sind dann fast zufällig Cellistin geworden. Wie kam es dazu?
Kathrin Vogler-Georgi: Seit ich fünf bin, hatte ich regelmäßig Cello-Unterricht, ich hatte in Orchestern und sogar in einer Band gespielt. Aber dass ich das mal zum Beruf machen würde, das war nicht der Plan. Es war eher: Warum eigentlich nicht? Es war eine Abwägung: Medizin in Halle oder Musik in Berlin. Und Berlin reizte mich. Ich hab dort die Aufnahmeprüfung gemacht und bestanden.
Sie haben kurz vor der Wende Ihr Probespiel in Schwerin absolviert – und sind spontan mit dem Zug hingefahren, weil keine Zeit für eine schriftliche Bewerbung blieb. Wie war das?
Ich wusste gar nicht, dass die Stelle frei war. Eine Freundin, mit der ich in Halle zur Schule gegangen bin und zusammen an der Hanns Eisler studiert habe, hatte mir das gesteckt – und dann waren es nur noch drei Tage bis zum Probespiel. Eine Bewerbung wäre mit der Post nie rechtzeitig angekommen. Also bin ich einfach in den Zug gestiegen. Mein Kind habe ich bei meinen Eltern gelassen. Es war schon ungewöhnlich, aber man ließ mich spielen. Meine Bewerbungsunterlagen reichte ich natürlich nach.
Was genau ist ein Probespiel?
Man wird auf ein festes Programm trainiert. Bei den Cellistinnen und Cellisten ist das zum Beispiel eines der Haydn-Konzerte und das spielt man dann vor dem versammelten Orchester. In wenigen Minuten. Mit allen Ohren auf sich gerichtet. Ich habe vor Schwerin einige Probespiele in Leipzig und Berlin absolviert. Da konnte es passieren, dass man extra anreist, vielleicht noch eine Nacht im Hotel übernachtet und nach dem ersten Intervall hieß es: Danke. Das ist keine Übertreibung.
Heute ist das Verfahren, glaube ich, ein bisschen menschlicher geworden. Aber das Grundprinzip bleibt: Man muss auf dem Punkt sein an diesem Tag, in dieser Minute.
Ihre ersten Erfahrungen im Orchestergraben waren nicht gerade sanft. Sie kamen vom Konzertorchester – und standen plötzlich mitten in einer Oper.
Ich war Substitutin vergleichbar mit heutigen Akademisten im Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und im Berliner Sinfonie-Orchester gewesen. Also nur Konzerte, nur Sinfonik. Aber dann kam die erste Oper. Der Dirigent hebt die Arme, und ich bin schon nach vier Takten hinter dem Orchester. So ungefähr kann man sich das vorstellen: Man muss jeden Ton kennen, Note für Note, sonst ist man gnadenlos verloren.
Es gab Momente, wo ich wirklich verkrampft war und Angst hatte, links oder rechts gehört zu werden. Das war schon stressig. Dabei hab ich die Oper dann sehr geliebt. Die schönen Jahre Anfang der Neunziger, mit Strauß, Wagner, Verdi und Puccini. Davon profitiere ich heute noch.
Sie spielen seit 2012 ein neues Instrument. Wie kam es dazu?
Ich hatte vorher ein böhmisches Cello, das war ungefähr 150 Jahre alt, mit einem sehr warmen, dunklen Klang. Das hab ich auch geliebt, damit hab ich studiert und alle Probespiele gemacht. Aber dann habe ich einen Geigenbauer kennengelernt, der wirklich wunderbare Instrumente baut. Und 2012 hab ich dann ein neues Cello von ihm gekauft.
Ein neues Cello klingt doch erst mal anders als ein eingespieltes?
Ja, am Anfang hat es so ein bisschen neu geklungen – manchmal ist das auf der scharfen Seite. Holz muss man aufwecken, das arbeitet. Und dann probiert man mit Saiten. Das ist eine Wissenschaft für sich. Man kann alle vier von einem Satz nehmen, aber man kann auch kombinieren. Wenn die unteren Saiten zu dumpf klingen, nimmt man härtere; wenn's oben zu scharf ist, eher Medium oder Soft. Das dauert, bis man das gefunden hat.
Welche Rolle hat das Cello im Orchesterklang?
Musik geht für mich vom Bass aus, vom Fundament. Alle anderen Stimmen bauen darauf auf. Insofern finde ich, dass die Bässe und die Celli wirklich wichtige Rollen haben, nicht nur weil ich Cellistin bin. Die bestimmen das Fortgehen der Musik, die Schritte, die Harmonik. Aber oft haben gerade die Celli die schönsten Kantilenen, nicht zuletzt in der Oper.
Sie spielen auch außerhalb der Staatskapelle in kleinen Ensembles. Was gibt Ihnen das, was der Orchestergraben nicht kann?
Im Orchester verschwindet man manchmal ein bisschen. Das ist einfach so, wenn viele Menschen zusammenspielen. Aber in der Kammermusik, in einer kleinen Besetzung, ist man als einzelne Person mit dem Instrument anders gefordert. Man trägt eine andere Verantwortung für den Klang und die musikalische Gestaltung.
Wie geht man damit um, wenn die Hände das wichtigste Werkzeug sind?
Meine Hände brauchen besondere Aufmerksamkeit. Aber als Musikerin brauche ich vor allem einen Ausgleich zum Sitzen und zur monotonen Bewegung, um nicht fest zu werden. Viel Sport wie Laufen und Radfahren.
Wie hat sich das Orchester seit Ihrem Einstieg verändert – das Miteinander, die Probenkultur?
Als ich anfing, hat man die älteren Kolleginnen und Kollegen gesiezt. Als junges Mitglied saß man hinten im Register und hatte kaum eine Chance, sich einzubringen. Das war hierarchisch. Heute ist eine Probe im besten Fall ein echter Dialog zwischen Dirigent und Orchester, aber auch innerhalb der Stimmgruppen. Man findet gemeinsam, man arbeitet gemeinsam. Die Dirigentin oder der Dirigent kommt mit einer musikalischen Vorstellung, sie oder er will sie umgesetzt wissen und wenn das gut läuft, entsteht daraus etwas Wunderbares.
Sie haben 2000 eine betriebsbedingte Kündigung bekommen – und dagegen geklagt. Wie war das?
Das war eine schwierige Zeit. Ich gehörte damals zu den jüngeren Kolleginnen und Kollegen mit unter 15 Jahren Betriebszugehörigkeit. Sie haben alle die Kündigung bekommen. Ich war damals alleine finanziell für meine zwei Kinder verantwortlich. Die Deutsche Orchestervereinigung, die Musikergewerkschaft, hat mir juristisch geholfen.
Und dann hatte ich auch einfach Glück: Ein Kollege aus der Cello-Gruppe schied krankheitsbedingt aus, und dadurch konnte ich bleiben. Aber ich hatte in dieser Zeit auch schon angefangen, an der Musikschule zu unterrichten. Mein Plan B, falls es nicht klappt. Das hab ich dann 15 Jahre so weitergemacht, parallel.
Sie sprechen von den jungen Kolleginnen und Kollegen mit echter Begeisterung.
Weil ich sie wirklich gut finde. Die sind nicht nur hervorragende Instrumentalistinnen und Instrumentalisten. Die bringen ihren eigenen Klang mit, eigene Ideen, einen unbedingten Willen, hier wirklich etwas zu gestalten. Das inspiriert auch uns Ältere. Es ist eine echte Wechselwirkung: Wir bringen Erfahrung und eine gewisse Gelassenheit mit. Und sie bringen diesen Antrieb, der einen selbst wieder aufweckt. Diese Leute muss man künstlerisch unterstützen.
Was wünschen Sie sich für die Staatskapelle?
Ich wünsche mir schon eine Staatskapelle, die wieder größer wird. Mit einem Chefdirigenten, der das Orchester als Ensemble versteht und der sich nach außen für es einsetzt. Und ich wünsche mir einen Spielplan, der das Potenzial des Orchesters ausschöpft.
Kathrin Vogler-Georgi...

…ist in Halle aufgewachsen und hat Cello an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler" in Berlin studiert – einer der renommiertesten Ausbildungsstätten für klassische Musik.
1989 zog sie nach Schwerin, mitten in den Umbruch der Wendezeit. Seitdem ist sie Teil der Staatskapelle Schwerin. Über drei Jahrzehnte, viele Dirigenten und eine sich wandelnde Orchesterkultur später sitzt sie noch immer am Pult. Neben ihrer Arbeit im Orchester spielte sie regelmäßig in diversen Kammermusikgruppen und lehrte am Konservatorium Schwerin.