Der Glanz der Trompeten

Lucas Marin Lopez ist stellvertretender Solotrompeter der Mecklenburgischen Staatskapelle. Als Kind verlor er sein Herz an die goldenen Blasinstrumente bei der Semana Santa, den Osterfeierlichkeiten im spanischen Sevilla. Wie ihn diese Liebe nach Norddeutschland führte, erzählt Teil 7 unserer Orchesterserie.

Lucas war acht Jahre alt, irgendwo in den Straßen Sevillas während der Semana Santa. Ein riesiges, goldverziertes Holzgestell schwankte langsam durch die Gasse, getragen von Dutzenden Männern. Darauf thronte eine Figur der Jungfrau Maria, umringt von Blumen und Kerzen. Dazu spielte eine Kapelle Prozessionsmärsche eigens für die bedeutendsten und bekanntesten Feierlichkeiten der Karwoche in ganz Spanien komponiert. Trommeln und Trompeten tönten feierlich und laut in den engen Gassen – und dem jungen Lucas direkt ins Herz. Das Gold. Das Metall. Der Glanz der Trompeten in der Sonne. „Ich war fasziniert", sagt er. Von diesem Moment an wusste er: Das will er auch.
Heute sitzt Lucas Marin Lopez in einem Probenraum der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin. Kariertes Hemd, Jeans, die Trompete locker in den Händen. Draußen: norddeutsches Grau. Drinnen: das Probenspiel verschiedener Instrumente. Weit weg von Sevilla.
Aufnahmeprüfungen und ein „Katapult"
Aufgewachsen ist Lucas Marin Lopez in einer Familie ohne Musiker. Aber er wollte ein Instrument lernen. Sein Vater meldete ihn kurzerhand in der städtischen Musikschule an, dem für Spanien typischen, mehrstufigen System: vier Jahre Grundstufe, dann Mittelstufe, dann das professionelle Niveau, das in etwa einem Hochschulstudium entspricht. Zwischen Klarinette, Horn und Trompete durfte Lucas wählen. Er zögerte nicht lange: Trompete und Klarinette.
Was folgte, waren Aufnahmeprüfungen, Stufenwechsel und jahrelanges Üben. Und irgendwann: ein Lehrer, der alles veränderte. Rainer Auerbach, Trompeter aus Berlin, kam regelmäßig nach Sevilla: alle zwei Monate eine ganze Woche. Für Lucas war er mehr als ein Lehrer. Er war, wie Lucas Marin Lopez es nennt, „mein Katapult."

Trompete fließend, Deutsch gebrochen
2011 folgte er Auerbach nach Norddeutschland. Lucas Marin Lopez machte die Aufnahmeprüfung an der hmt - Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Trompete bestand er. Die deutsche Sprache reichte nur für ein Probesemester. Trotzdem: angenommen. Er studierte zwei Jahre.
Schwerin kam erst später auf den Plan. Er bekam Kontakt zur Staatskapelle, ein Probevorspiel für einen Trompeter. Erste Runde: dreißig Kandidaten. Zweite Runde: vier. Letzte Runde: zwei. Er bekam die Stelle. Stellvertretender Solotrompeter. Seit 2016. „Meine Mutter war damals nach Deutschland gekommen. Extra aus Sevilla. Sie war sehr aufgeregt. Ich musste ruhig für uns beide bleiben", erzählt er.
Morgens üben, abends spielen
Heute lebt Lucas Marin Lopez mit seiner spanischen Frau Laura und seinen Kindern in der Nähe von Schwerin. Die Kinder gehen hier zur Kita und zur Schule, seine Frau arbeitet als Musiklehrerin an der Ataraxia. Was er als Zwischenstopp geplant hatte, ist Heimat geworden. Oder zumindest etwas, das sich so anfühlt.
Das Orchester probt mehrmals wöchentlich. Meist von 10 bis 12.30 Uhr oder abends ab 19 Uhr. Dazwischen übt Lucas Marin Lopez zuhause, solange die Kinder in der Schule sind. Eine Stunde, manchmal zwei, ganz für sich. Er nutzt hauptsächlich zwei Trompeten, manchmal ein Cornet. Mehr braucht es nicht.
Was er an der Staatskapelle schätzt, ist die Gemeinschaft. „Gute Leute, immer gute Leute", sagt er. Junge und Ältere, die gut miteinander auskommen. Man trinkt Kaffee zusammen, fährt manchmal gemeinsam. Ein Orchester-Feeling, das er so noch nicht kannte.
Druck, Therapie, Weitermachen
Aber es war nicht immer ein ruhiges Legato. Das Perfektionieren, die Erwartungen. Lucas Marin Lopez spürte den Druck irgendwann immer deutlicher, die Angst vor dem Spielen. Er erzählt es ohne Umschweife, ohne Drama. Es sei ein Thema, das viele Musikerinnen und Musiker kennen, über das allerdings kaum jemand redet. Er machte eine Therapie. Heute hat er es gut im Griff.
Bereut hat er den Weg nach Norden nie. Obwohl: Manchmal, wenn er an Sevilla denkt, an das Licht dort, die Wärme, die Art wie Musik dort auf die Straße gehört, dann fühlt er die Dissonanz. In Deutschland ist Musik anders präsent. Hier kann er von seiner Musik eine Familie ernähren. Das beschäftigt ihn.
Der Klang, der aus dem Orchester herausschallt
Aber wenn er dann im Konzertsaal sitzt, die Trompete ansetzt und der erste Ton in den Raum steigt: Dieser helle, tragende Klang, der aus dem vollen Orchesterklang heraustritt wie eine Solopassage, die auf ihren Einsatz gewartet hat, dann ist das alles weit weg. Das Kind, das damals bei der Semana Santa in Sevilla stand und goldene Instrumente anstarrte, hat seine Tonart gefunden. Etwas weiter nördlich als gedacht.

Lucas Marin Lopez...
…wuchs in Sevilla auf. Er durchlief das spanische Musikschulsystem bis zum professionellen Niveau und wurde dabei entscheidend von seinem Lehrer Rainer Auerbach geprägt, der regelmäßig aus Berlin nach Andalusien kam.
2011 folgte Lucas Auerbach nach Norddeutschland und begann sein Studium an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Was als Aufenthalt für zwei Jahre geplant war, wurde zur Weichenstellung: 2016 bestand er das Probevorspiel bei der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin und spielt seitdem als Solotrompeter. Er lebt mit seiner Familie in Schwerin.