Von der Cantorej zur Staatskapelle
Wie viel verdiente der erste Kapellmeister? Warum ist Beethovens Musik so fest verankert in Schwerin? Was machte das Orchester, als es noch keine Konzerte spielte? In Teil 3 unserer Orchesterserie reisen wir 463 Jahre durch die Zeit.
Aller Anfang
… liegt mehr als 460 Jahre zurück. Zu jener Zeit hat Johann Albrecht I. in Mecklenburg-Schwerin das Sagen. Der Herzog ist der Kunst sehr zugewandt. Auch der Musik. 1563 holt er David Köler nach Schwerin. Köler ist um die 30, Kantor, Komponist, Organist, lebte zuletzt in Altenburg. Nun soll er am Schweriner Hofe und in den Kirchen der Stadt „Capelmeister“ werden und eine „Cantorej“ gründen. Seine Anstellungsurkunde stammt vom 17. Juni 1563 und gilt als Geburtsstunde der Mecklenburgischen Staatskapelle. Kölers Jahresgehalt – das sind laut Urkunde: 140 Taler, 24 Scheffel Malz oder Gerste, vier Schweine, ein Ochse, ein Ehrenkleid und eine freie Wohnung. Köler bleibt keine zwei Jahre in Schwerin. Dann kehrt er zurück in seine Geburtsstadt Zwickau, wo er bald darauf stirbt.
Herzöge und Fürsten gab es zu jener so einige. Hofkapellen dagegen kaum. Älter als die Mecklenburgische Staatskapelle sind in Deutschland nur wenige Orchester. Unter anderem die Staatskapelle Weimar (1491), das Staatsorchester Kassel (1502) und die Sächsische Staatskapelle Dresden (1548).
Cantorej. Hofkapelle. Hoftheaterorchester. Landeskapelle. Das Orchester hatte im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Namen. Seit 1926 heißt es Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin.
Erst Gesang, dann Musik
Die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin ist heute ein Ensemble aus Musikerinnen und Musikern. Das war nicht immer so. Am Anfang stand Vokalmusik – insbesondere Figuralgesang – im Mittelpunkt. Instrumentalisten gab es in der Hofkapelle nur vereinzelt. Typische Instrumente damals waren Posaunen, Zinken, Trompeten und Pauken. Die ersten Sänger der Hofkapelle brachte Kapellmeister David Köler mit. Im Laufe der Zeit nahm die Musik eine immer bedeutendere Rolle ein. Sängerinnen und Sänger blieben aber lange Zeit ein fester Bestandteil der Hofkapelle. Sie wurden erst Mitte des 19. Jahrhunderts ausgegliedert.
Auftritte im Wandel
Lange Zeit stand die Kapelle ganz und gar in höfischen und religiösen Diensten. Musiktheater gehörte zunächst nicht zur Hofkapelltradition. Das änderte sich ab 1837, als Carl Schmidtgen Musikdirektor und Orchesterleiter wurde – und aus der Kapelle ein Hoftheaterorchester. Konzerte zu geben, stand jedoch erst einmal nicht im Theaterprogramm. Die Musiker spielten zunächst nur einzelne Stücke zu Beginn einer Theatervorstellung oder in den Zwischenakten. Regelmäßige Sinfonie- oder Kammerkonzerte folgten erst peu à peu in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Heute ist die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin in jeder Spielzeit mit einem umfangreichen Konzertprogramm vertreten, fester Bestandteil in den Produktionen des Musiktheaters und auch in Ballettabende eingebunden.
Auf nach Ludwigslust
Die Musik ist da, wo der Herzog ist. Als Friedrich der Fromme seinen Hof 1764 von Schwerin nach Ludwigslust verlegt, muss die Hofkapelle mit: Sie zieht 1767 nach. Der Herzog ist bestrebt, dem Volk musische und religiöse Werte zu vermitteln und öffnet den Goldenen Saal im Schloss und die Schlosskirche für öffentliche Konzerte. Die Hofkapelle macht in Ludwigslust weit über Mecklenburg hinaus von sich reden. Musiker aus dem In- und Ausland wollen hier spielen. Als Friedrich der Fromme stirbt, setzt Friedrich Franz I. die Ludwigsluster Klassik fort. Sie endet 1837. Als Paul Friedrich Großherzog wird und den Hof samt Orchester wieder zurück nach Schwerin verlegt.
Eine Frau unter vielen Männern
Wer durch die Jahrhunderte des Orchesters blättert, stößt auch auf Sophie Westenholz. Als sie lebt, schreibt die Zeit die Jahre 1759 bis 1838. Sie ist eine erfolgreiche Pianistin, Sängerin und Komponistin. Mit 17 wird sie Teil der Hofkapelle, drei Jahre später Hofsängerin. Sie heiratet Hofkapellmeister Carl August Friedrich Westenholz, bekommt mit ihm acht Kinder. Nach seinem Tod soll sie auch gelegentlich als Kapellmeisterin fungiert und als „Directeur“ Konzerte vom Klavier aus geleitet haben. Ihr Name ist auch heute noch präsent: Seit 2023 heißt die Orchesterakademie des Mecklenburgischen Staatstheaters Sophie-Westenholz-Akademie.
Die Orchesterakademie wurde zur Spielzeit 2022/2023 gegründet und fördert junge, hochqualifizierte Musiker aus aller Welt auf ihrem Weg zu professionellen Orchestermusikern. Die Akademisten wirken in Proben, Konzerten und Vorstellungen des Orchesters mit und präsentieren sich auch in eigenen Akademiekonzerten dem Publikum. Mitglieder der Staatskapelle unterstützen sie dabei als Mentoren.
Mit einem Abo ins Konzert
Mit einem Abo ins Konzert – das war schon rund um 1859 möglich. Erste Versuche dazu gab es auch schon ein paar Jahre vorher. Doch erst unter Georg Alois Schmitt stieß so ein Abo auf Zuspruch. Schmitt war von 1856 bis 1892 Musikdirektor und Kapellmeister – und damit so lange, wie kein anderer. Er führte Kammermusikreihen und Sinfoniekonzerte ein. Der Ruf „seines“ Orchesters schallte weit über Mecklenburg hinaus.
Kein Jahreswechsel ohne Beethoven
Eine Konzertsaison ohne Beethoven? Undenkbar! Den Grundstein dieser Tradition legte ebenfalls Georg Alois Schmitt. Er führte 1859 zum ersten Mal Beethovens Neunte in Schwerin auf. Seither ist Beethoven aus dem Repertoire der Staatskapelle nicht mehr wegzudenken. Insbesondere zu Silvester gilt: Kein Jahreswechsel ohne die Neunte.
Berühmte Persönlichkeiten
Die Geschichte des Orchesters ist mit vielen Namen verbunden. Und führte auch berühmte Künstler wie diese nach Schwerin: Hans von Bülow, Anton Rubinstein, Joseph Joachim, Pablo de Sarasate, Clara Schumann, Henri Vieuxtemps, Henryk Wieniawski, Johannes Brahms, Camille Saint-Saëns. Felix Mendelssohn Bartholdy leitete 1840 das Zweite Norddeutsche Musikfest, bei dem 150 Orchestermusiker und 340 Chorsänger auftraten. 1873 kam Richard Wagner nach Schwerin, um Künstler und Förderer für die ersten Bayreuther Festspiele zu gewinnen. Auch Kurt Masur dirigierte in Schwerin: Er leitete das Orchester von 1958 bis 1960.
Glückwunsch zum Echo
Wussten Sie, dass die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin mit einem Echo-Klassik ausgezeichnet wurde? Das Orchester gewann den renommierten – inzwischen jedoch abgeschafften – Preis 2012 gemeinsam mit den österreichischen Solisten Giuliano Sommerhalder (Trompete), Simone Sommerhalder (Oboe) und Roland Fröscher (Euphonium) in der Kategorie „Konzerteinspielung des Jahres (Bläser)“. Die eingespielte Musik stammte von Amilcare Ponchielli, einem italienischen Komponisten aus dem 19. Jahrhundert. Dirigiert wurde die Staatskapelle dabei vom damaligen Generalmusikdirektor Matthias Foremny.





