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Retter der Schwarzen Kunst

Gute Laune gehört bei Hans-Hilmar Koch zum Geschäft. Ein Kichern hier, ein Prusten da. Man amüsiert sich über grinsende Fische, verschmitzte Katzen und den ungeheuren Wortwitz, der auf Blättern prangt, die von der Decke baumeln.

Derweil blickt Koch zu Boden. Er kramt ein paar weitere „erfreuliche Drucksachen“ hervor, wie er sie selber nennt. Wunderbar minimalistische Wortspiele darunter. Wie: Die Katze auf dem Küchentisch denkt unentwegt nur noch an Fisch. Oder: Wenn ich die See seh, dann brauch ich kein Meer mehr. 

Doch ihre Einzigartigkeit gewinnen sie vor allem dadurch, dass der Schweriner sie auf ungewöhnlichen Papieren festhält, mit faszinierenden Schriftarten und einer Drucktechnik, die eigentlich längst aus unserem Leben verschwunden ist. Uralt ist die Druckmaschine, die in seiner Galerie „Blickwinkel“ in der Münzstraße steht. Eine gusseiserne Lady in schwarz. Ihrethalben kam er vor ein paar Jahren aber nicht in die Landeshauptstadt. Vielmehr der Liebe zu einer Papiergestalterin wegen. Gemeinsam mit ihr und einer Holzbildhauerin betreibt er die Galerie. Montag und Samstag schiebt er seinen Ladendienst. Er nutzt die Zeit, um neue Schelmereien auszuhecken - knackige Seekarten und Fischgrafiken. Oder er hält Poesie auf Seidenkonkon fest.

Museum in Krakow am See

Hin und wieder packt er seine sieben Sachen zusammen und besucht Schulen in Wismar und Schwerin. Im Gepäck die mobile Drucktechnik. Schnaufend trägt er die 30 bis 40 Kilogramm schweren Maschinen in den Klassenraum. Lieber ist es ihm, wenn die Mädchen und Jungen zu ihm kommen. Nicht in die Galerie, sondern nach Krakow am See. Dort arbeitet er Dienstag bis Freitag in einem Buchdruckerei-Museum, das er selbst aufgebaut hat. Die Fahrerei nimmt er daher gern in Kauf. Die Druckerei hat er so eingerichtet wie ein Familienbetrieb der 1920er-Jahre. Es ist kein stilles Museum. Sobald Hans-Hilmar Koch dort ist, setzen sich die alten Maschinen in Bewegung. Sie rattern und stampfen. Fleißig stellt der Buch- und Grafikdrucker, Museums- und Kursleiter jene Blätter, Poster und Postkarten her, die er später in der Schweriner Galerie, seiner „Werkbankverlängerung“ anbietet. In Krakow selbst ist wenig Platz dafür. Lieber bringt er ein paar eiserne Denkmäler und Museumsbesucher mehr unter.

Gern lässt er sich von Schulklassen und Co über die Schulter gucken. Wer, wenn nicht er kann den jungen Leuten klar machen, dass der Buchdruck eine der bedeutendsten Erfindungen der Menschheit ist? Er versucht es wenigstens. „Leider kann man die Druckereien, die es bei uns im Land gibt, nur noch an zwei Händen abzählen“, sagt Hans-Hilmar Koch. „Das Gewerbe befindet sich seit Jahren ganz schön im Wandel - vom Handwerklichen hin zum Digitalen. Internetdruckereien liegen voll im Trend.“

Anfragen aus allen Ecken der Republik

Zwar erleben Handpressendrucker wie er eine kleine Renaissance. Dennoch ist es eine kleine Nische, in der nur wenige überleben. Der Schweriner ist froh, in Mecklenburg-Vorpommern dieser eine zu sein, der mit der Schwarzen Kunst sein Brot verdienen kann. Anfragen erreichen ihn aus allen Ecken der Republik. Mal sind es Visitenkarten, Briefpapier, Geschäftsberichte oder Künstlerbücher, die im klassischen Bleisatzverfahren entstehen. Bekannte Buchillustratoren wie Werner Schinko und Hans-Joachim Behrendt ließen bei ihm ihre Arbeiten drucken.

Humor ist der Knopf, der verhindert, dass einem der Kragen platzt

Zu den Lieblingsprojekten von Hans-Hilmar Koch gehört der Ringelnatzkalender. Den bringt er gemeinsam mit Arndt Weigend, einem befreundeten Bildhauer aus Rukieten, seit sieben Jahren heraus. Manche Liebhaber dieses Kalenders schauen direkt im Museum vorbei, um sich ein frisch gedrucktes Exemplar abzuholen. In diesen Tagen drücken sich auch in Schwerin wieder einige Passanten die Nase am Schaufenster von Hans-Hilmar Kochs Galerie platt. Er ist wieder da. Der neue Ringelnatzkalender. Klassisch im Bleisatz und Buchdruck und in gewohnter Manier mit Gedichten und Holzschnitten.

Hans-Hilmar Koch ist zufrieden. Sein Kalender wird viele Menschen durchs Jahr begleiten und ihnen Vergnügen bereiten. Ringelnatz hätte sich gefreut. Wie sagte der doch gleich? Ach ja: Humor ist der Knopf, der verhindert, dass einem der Kragen platzt.

Text: Anja Bölck

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