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27.01.2017

Von Blutwurststeinen und Sternberger Kuchen

Reinhard Braasch zeigt das Innere eines steinernden Ü-Eis: einen mineralisierten Schwamm.
Reinhard Braasch zeigt das Innere eines steinernden Ü-Eis: einen mineralisierten Schwamm.
27.01.2017

Reinhard Braasch begleitet Besucher des Geologischen Museums Raben Steinfeld auf eine Reise durch die Erdgeschichte. Wenn er über seine Sammlung spricht, dann klingt er manchmal wie ein Bäcker: „Hier haben wir den Blechkuchen, da ist das Tortenstück und dort das Kastenbrot“, sagt er und deutet auf die entsprechenden Stücke im Regal. Nur, dass der Blechkuchen nicht mit Streuseln bestreut ist, sondern mit Fossilien, das Tortenstück nach dem Hineinbeißen neben Haifischzähnen wahrscheinlich auch die des Verkosters enthalten würde und überhaupt alle drei mit einem Alter von 28 Millionen Jahren nicht mehr die frischesten sind.

Das schönste und wertvollste Gestein des Landes

Aber dennoch liegt der Vergleich nah: Schließlich ist das aus dem Paläogen stammende Lokalgeschiebe, vor dem der Raben Steinfelder hier steht, im Volksmund als „Sternberger Kuchen“ bekannt. In dem kleinen, von Braasch in privater Initiative aufgebauten, geologischen Museum gehört das Sternberger Gestein zu den Glanzpunkten der Ausstellung. „Es ist regional in Mecklenburg das schönste und wertvollste Gestein“, sagt der Museumsgründer. Fast 600 verschiedene Tierarten stecken darin – darunter Überreste von Schnecken und Haifischen, Zahnwalen, Seeigeln und Korallen. Die Fundstücke machen so einen Blick in die Erdgeschichte möglich – und genau das ist es, worum es Braasch mit seinem Museum geht.

Geschichten von Meteoriteneinschlägen

Der Raben Steinfelder versteht es, die Faszination zu erklären, die von den Zeugen weit zurückliegender Epochen ausgeht. Erdbeben und Meteoriteneinschläge lassen sich von den Steinen in der Sammlung genauso ablesen wie das Auftauchen der ersten Bakterien und die Formen längst ausgestorbener Tiere. Bis zu zwei Milliarden Jahre führt das Museum zurück in die Vergangenheit. Besucher erfahren, dass Mecklenburg-Vorpommern nicht nur steinreich ist, sondern auch geologisch ungeheuer interessant. Und sie können anhand von Modellen den Vorstoß des Gletschers begutachten und etwas über die Weichseleiszeit erfahren, welche die heutige Landschaft in MV maßgeblich formte.

300 Millionen Jahre in die Vergangenheit

In erdgeschichtlichen Zeiträumen gedacht, war die Eiszeit natürlich erst gestern – ist sie noch nicht weit entfernt. Und was sind schon Entfernungen: Bei Reinhard Braasch ist es leicht, durch die Zeit zu reisen. „Jetzt gehe ich in die Kreide“, verkündet er und schon steht er vor einer Vitrine mit mineralisierten Fossilien. Wer weiß schon, dass der Donnerkeil einst das Schwanzende eines Tintenfischs war? Die so genannten Belemniten bewegten sich 300 Millionen Jahre lang durch die urzeitlichen Meere. Ihre versteinerten Überreste wurden von Abergläubischen früherer Tage mit den von Gott Donar geschleuderten Blitzen in Verbindung gebracht und kamen so zu ihrem im Volksmund bekannten Namen.

Ein urzeitliches Überraschungsei

Es gibt also viel zu erzählen und zu zeigen. Wie zum Beispiel den Stein, der aussieht, wie ein Dino-Ei. Dabei ist er eher ein Überraschungsei. Wenn nämlich Reinhard Braasch die obere Hälfte abhebt, offenbart das Gebilde in der Mitte einen auskristallisierten, funkelnden Schwamm. Weiß der Sammler bei seiner Schatzsuche schon auf den ersten Blick, welche nach außen unscheinbaren Brocken solche Schätze bergen? „Manchmal schon“, sagt Reinhard Braasch. „Aber trotzdem überrascht mich die Natur immer wieder.“ Ein bisschen Erfahrung spielt natürlich ebenfalls eine Rolle: Der heute 69-Jährige sammelte seine ersten Steine schon als kleiner Junge im Ferienlager auf der Insel Rügen. Der Fachgruppe Geologie gehört er schon so lange an, wie die Gruppe besteht – das sind inzwischen 40 Jahre. Mit dem Museum hat der gelernte Schlosser sein Hobby zum Beruf gemacht.

Die Funde hat er zum Teil geschliffen und aufbereitet, um sie mit größerem Erkenntnisgewinn präsentieren zu können. So sieht jedes Kind, wie der Porphyr zu dem Namen „Blutwurststein“ kommt, wie die Olivin-Einschlüsse im Schonen-Basalt funkeln und warum der Stein, der einem Hamburger ähnelt,  eindeutig ein „Sternberger“ ist.

Öffnungszeiten: Jederzeit nach Vereinbarung unter 03860-247 oder 0174-4382359, Juni bis August Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr, www.geologisches-museum.de

Text und Foto: Katja Haescher