02.07.2026

Gelebte Traditionen aus MV

Eine Bilder-Collage. Sie zeigt ein Fischereiboot, eine Darßer Haustür, einen Fischerteppich und ein niederdeutsches Theater-Ensemble.

Die bunten Türen auf dem Darß. Die Fischerteppiche aus Vorpommern. Niederdeutsches Theater. Das sind: drei Beispiele für immaterielles Kulturerbe in MV. Neu dazugekommen ist die Kleine Küstenfischerei. Damit sind in der bundesweiten Liste nun 13 Traditionen aus MV vertreten. Ein Überblick:

Malchower Volksfest

Das Volksfest in Malchow ist mit mehr als 170 Jahren eines der ältesten Heimatfeste in Mecklenburg-Vorpommern. Seinen Ursprung hat es im Jahr 1853. Genauer gesagt am 3. Juli, einem Sonntag. Damals galt es als Zeichen der Unabhängigkeit, dass das Fest am Sonntag unabhängig von der Kirche gefeiert werden durfte.  „Somit war es als weltliches Ereignis festgelegt”, heißt es bei der Deutschen Unesco-Kommission. Seither findet das Volksfest immer am ersten Juli-Wochenende statt. Dazu wird die Stadt mit Wimpel- und Lichterketten sowie Birken- oder Eichengrün geschmückt. Von früh bis spät gibt es ein buntes Programm. Feste Bestandteile dabei: der Kinderfestumzug, der traditionelle Festumzug, viel Musik. Und: das Große Wecken, bei dem Spielmannszüge die Einwohner der Stadt früh am Morgen aus dem Schlaf holen. Das Fest wird maßgeblich von Vereinen, Betrieben und Bürgern organisiert und lockt jährlich tausende Besucher an. Seit 2014 ist es ein immaterielles Kulturerbe. Mehr Infos – hier…


Handwerk der Reetdachdeckerei

Ein Mann steht auf einem Dach. Er hat ein Bündel Reet in der Hand.

Kaum etwas wirkt so nordisch wie Reetdächer. Früher war Reet das Dach der Armen. Wer es auf sein Haus packte, hatte meist kein Geld für teure Ziegel. Heute muss man sich die Arbeit der Reetdachdecker leisten können wollen. Nicht zuletzt wegen der Handarbeit. Hinter ihr steckt eine lange Tradition: Die ersten nachgewiesenen Reetdächer gab es schon um 4000 vor Christus. Das macht das Reetdecken zu einer der ältesten Handwerkstechniken beim Hausbau – und seit 2014 zu einem immateriellen Kulturerbe. „Das Handwerk lebt von einer Fülle mündlich überlieferter Traditionen und handwerklicher Gepflogenheiten, die von Generation zu Generation durch das gemeinsame Arbeiten auf dem Dach weitergegeben wurden“, so die Deutsche Unesco-Kommission. Die ersten Fachregeln kamen erst mit dem 20. Jahrhundert, eine spezielle Ausbildung zum Reetdachtechniker sogar erst 1998. Mehr Infos – hier…


Niederdeutsches Theater

Sieben Frauen und Männer stehen vor einem Haus. Sie machen Musik und schauspielern.
Die Fritz-Reuter-Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters. Hier mit ihrem Stück „Krawall in‘n Häuhnerstall“, einer Rock-Revue für die Schlossfestspiele Schwerin.

Das Niederdeutsche Theater ist ebenfalls seit 2014 immaterielles Kulturerbe. Die Gründung vieler Bühnen erfolgte in den 1920er-Jahren. Etliche Beispiele dafür finden sich auch in MV. Zum Beispiel in Stralsund, Rostock, Neubrandenburg, Wismar und Schwerin. Viele denken bei plattdeutschen Bühnen vornehmlich an Orte im Norden, schließlich sind sie hier am weitesten verbreitet. Niederdeutsches Theater gibt es aber zum Beispiel auch in Münster (Nordrhein-Westfalen) und Gladigau (Sachsen-Anhalt). Auf den Spielplänen der Bühnen stehen Klassiker des Plattdeutschen Theaters, Übertragungen aus anderen Sprachgebieten und selbst verfasste Stücke. Letztere spiegeln häufig regionale Gegebenheiten aus der Geschichte oder dem Alltag der Menschen wider. Mehr Infos – hier… 


Köhlerhandwerk und Teerschwelerei

Das traditionelle Köhlerhandwerk und die Teerschwelerei wurden auch 2014 zum immateriellen Kulturerbe erklärt Was das mit MV zu tun hat? Sie waren früher auch hier weit verbreitet. Ein Beispiel, das davon noch zeugt, ist der Forst- und Köhlerhof Wiethagen am Rand der Rostocker Heide: Hier steht der bundesweit einzige, noch regelmäßig in Betrieb genommene Teerschwelofen, der neben Holzkohle auch Holzteer und Teeressig auf althergebrachte Weise erzeugen kann. Mehr Infos – hier… 


Tonnenabschlagen

Das Tonnenabschlagen ist ein alter Volksbrauch, der vornehmlich in Küstennähe von MV veranstaltet wird. Bei dem Wettkampf versuchen Reiter/innen im Galopp, ein drei bis vier Meter hoch hängendes und festlich geschmücktes Heringsfass zu zerschlagen. Jeder Teilnehmer hat pro Runde einen Schlag. Wer dem Fass den Boden ausschlägt, wird „Bodenkönig“. Wer das letzte Stück der Seitenbretter abschlägt, wird „Stäbenkönig“. Die höchste Ehre gebührt dem, der das Kreuz der Tonne abschlägt: Er wird „Tonnenkönig“. Das Tonnenabschlagen ist seit 2016 immaterielles Kulturerbe. Die nächsten Termine in diesem Jahr sind: Sonntag, 12. Juli/Wustrow. Sonntag, 19. Juli/Ahrenshoop. Samstag, 25. Juli/Klockenhagen. Sonntag, 26. Juli/Prerow. Sonntag, 2. August/Born. Freitag/Samstag. 7./8. August/ Dierhagen. Mehr Infos – hier…


Barther Kinderfest

Das Barther Kinderfest ist das älteste Kinderfest in Mecklenburg-Vorpommern. Seinen Ursprung hat es in einer Idee, die Lehrer Wilhelm Müller 1828 für die Schüler seiner Knabenklasse hatte: Damals veranstaltete er auf einem Hof in der Badstüberstraße ein Armbrustschießen. Mit Krönung des Schützenkönigs. 40 Jahre später durften auch Mädchen mitmachen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus der Schülerveranstaltung ein Fest für die ganze Stadt. Seine Tradition wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Und ausgebaut. Das Ausschießen des Königspaares gibt es dabei immer noch. Das Barther Kinderfest wurde 2016 ins „Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes“ aufgenommen. Mehr Infos - hier…


Die Herstellung der Darßer Türen

Ein restgedecktes Haus mit einer bunt verzierten Haustür.

Wer kennt sie nicht, die bunt verzierten Haustüren vom Darß? Die Geschichte, die sie erzählen, beginnt vor mehr als 200 Jahren und ist eng mit der Entwicklung der Seefahrt und des Schiffbaus verbunden. Die Wirtschaft boomte. Mehr und mehr Menschen ließen sich auf der Halbinsel nieder. Die Dörfer vergrößerten sich. Der Wohlstand wuchs. Mit den neuen Häusern wandelten sich die Gebäudeformen. Weg vom Niederdeutschen Hallenhaus mit ihrem großen Tor an der Schmalseite hin zu Kapitäns-, Fischer- und Bauernhäusern, deren Fassade die Tür in den Mittelpunkt rückte. Reichlich verziert. Gestrichen in einer Farbe. Meistens rotbraun. Grün. Grau. Farbe, die vom Bootsanstrich eben noch übrig war. Im Vergleich zu heute fristeten sie jedoch ein unbeachtetes Dasein.

Etwas Besonderes wurden sie erst in den 1930er-Jahren: Als die Blütezeit der Schifffahrt längst vergangen war und niemand mehr an den alten Eingängen hing, beauftragte Bürgermeister Heinrich Bierbaum die örtliche Tischlerei Roloff, eine Tür für das neue Gemeindehaus zu bauen. So wie früher. Mit vielen Schnitzereien. Und dem Zusatz: Bunt soll sie werden! Heute prägen mehr als 100 liebevoll gestaltete Haustüren die Orte Prerow, Born und Wieck. Die meisten von ihnen sind Nachbauten. Nur etwas mehr als eine Handvoll stammt aus der Zeit von 1790 bis 1850, der sogenannten klassizistischen Phase.

Viele der traditionellen Schmuckelemente wurden von Seefahrern, dem Aberglauben oder der Antike geprägt: Die Sonne half den Seeleuten, sich auf hoher See zu orientieren. Der Lebensbaum gilt als Sinnbild der Lebenskraft. Pfeilspitzen sollen Unheil abwehren, Rauten Glück bringen. 2018 wurde die traditionelle kunsthandwerkliche Herstellung der Darßer Türen ein immaterielles Kulturerbe. Mehr Infos – hier…


Die Tradition der Zeesboote

Auf einem Gewässer schwimmt ein Zeesboot.

Sie sind ein Blickfang auf dem Wasser und erinnern an längst vergangene Zeiten: die Zeesboote der Boddenlandschaft. Zeesboote sind Segelschiffe, die sich aufgrund ihres geringen Tiefgangs besonders gut für flache Gewässer eignen und Fischern lange Zeit gute Dienste erwiesen. Das erste Mal erwähnt wurden die Boote im Zusammenhang mit der Fischerei im 15. Jahrhundert. Ihre Blütezeit hatten sie den Überlieferungen zufolge aber im 18. und 19. Jahrhundert. 

Der Name leitet sich von seinem Fangnetz ab: der Zeese. Wenn sie auf Fischfang gingen, segelten die Fischer quer zum Wind und zogen dabei das Netz hinter sich her. Auf diese Weise wurde noch bis in die 1970er-Jahre gefischt. Zeesboot ist die plattdeutsche Bezeichnung. Im Hochdeutschen heißen sie Zeesenboote. In ihrer ursprünglichen Bedeutung als Fischereiboot werden sie nur noch sehr vereinzelt genutzt. Heute sind sie vorrangig Sport- und Freizeitboote, die privat oder für touristische Segelausflüge genutzt werden. Insbesondere auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst haben viele private Eigner die Schiffe liebevoll restauriert. Live erleben kann man die Boote auch bei einer der zahlreichen Regatten, die von Juni bis September in Zingst, Wustrow, Dierhagen, Barth, Bodstedt und Althagen stattfinden. Die Bewahrung und Nutzung der Zeesboote in der Vorpommerschen Boddenlandschaft ist seit 2018 ein immaterielles Kulturerbe. Mehr Infos – hier…


Der Brauch des Martensmanns

Seit dem Mittelalter liefert der Martensmann als Zeichen guter Nachbarschaft jährlich ein Fass Rotspon aus der Hansestadt Lübeck an die Herzöge von Mecklenburg in Schwerin. Ab 1520 belegen Urkunden diese Lieferung. 1817 einigten sich die Stadt Lübeck und die mecklenburgischen Herzöge darauf, die Lieferung einzustellen. Nach der Wiedervereinigung lebte der Brauch, der den Martensmann von Lübeck über Schönberg und Rehna nach Schwerin führt, wieder auf. 2020 wurde er als „Symbol für die lebendige Bürgergesellschaft“ als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Mehr Infos – hier… 


Spiel auf der diatonischen Handharmonika

Detailaufnahme von einer Handharmonika.

Treckfiedel. Ziehharmonika. Harmonika. Monika. Diatonisches Knopfakkordeon. Quetschkommode: die diatonische Handharmonika hat viele Bezeichnungen. Ihr Spiel prägt seit den 1860er-Jahren die instrumentale Volksmusik in MV. Das Instrument eroberte die Tanzsäle der Dörfer und bildete den musikalischen Hintergrund gemeinschaftlicher Unterhaltung. Nachdem sie in Deutschland fast von der Bildfläche verschwunden war, wächst in der Folkszene das Interesse an der diatonischen Handharmonika wieder. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es derzeit ungefähr 100 Handharmonikaspieler/innen. Mehr Infos – hier…


Die Vielfalt des Sagenerzählens

Der Käsebaum bei Boizenburg. Die Teufelsmühle bei Neubrandenburg. Der Hexenbaum von Ulrichshusen. Der Nonnensee bei Bergen. Das sind – vier Beispiele für Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern. Insgesamt gibt es in MV etwa 50000 Sagen. Wer sie erzählt, hält ein immaterielles Kulturerbe lebendig. Denn: Die „Vielfalt des Sagenerzählens in MV“ wurde 2021 in das bundesweite Verzeichnis aufgenommen. „Die Sagen werden mündlich oder in Büchern schriftlich erzählt. Sie kommen als Theaterstücke und bei Volksfesten als Petermännchen, Burgfrau, Kräuterhexe oder Schildbürger zur Aufführung. Holzbildhauer oder Grafiker unterstützen Sagenpfad- oder Buchprojekte“, sagt Wolfgang Woitag. Er ist Vorsitzender des Vereins „Sagen- und Märchenstraße Mecklenburg-Vorpommern“ und hatte den Antrag damals mit initiiert. Im Unterschied zu Märchen haben Sagen in der Regel einen spezifisch lokalen und regionalen Charakter. Die Weiterentwicklung und kreative Neuentstehung von Sagen sei ausdrücklich erwünscht, sagt Legenden-Forscher Dr. Hartmut Schmied. So fiel bei der Bewertung des Antrags das Sagenerzählen über die elektronischen Medien wie Internet, Geocaching, CDs oder Podcasts besonders ins Gewicht. Auch das virtuelle Cryptoneum Legenden-Museum gehört in diese moderne Erzählgruppe. Mehr Infos – hier…


Die Vorpommerschen Fischerteppiche

Der Teppich besteht aus einem roten Rand, an dem sich grüne Symbole aneinanderreihen. Die Hauptfläche ist beige. Darauf befinden sich acht rote Fische, die sich in einem Oval aneinanderreihen. Umgeben sind sie von Blumen, Wellenlinien und anderen Ornamenten.

Die Gestaltung und handwerkliche Fertigung der Vorpommerschen Fischerteppiche ist eine mündlich überlieferte, seit etwa 100 Jahren bestehende Tradition an der Küste des Greifswalder Boddens. „Anfänglich als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ins Leben gerufen, hat sich eine Tradition entwickelt, die noch heute für viele Menschen in der Region identitätsstiftend ist“, so die Deutschen Unesco-Kommission. Pommersche Fischerteppiche sind handgeknüpfte, schafwollene Teppiche mit maritimen Motiven. 

Aufgrund ihres ursprünglichen Entstehungsortes, des Fischerdorfs Freest am Peenestrom, wurden sie zu DDR-Zeiten als Freester Fischerteppiche vermarktet, obwohl sie sowohl in den umliegenden Orten Lubmin, Spandowerhagen, Kröslin als auch in den Städten Greifswald, Wolgast, Lassan und Usedom geknüpft wurden und teilweise noch werden. Geknüpft werden die Teppiche auf einem Hochwebstuhl. Dabei werden gleichmäßig lang geschnittene Wollfädchen mittels verschiedener Techniken miteinander verknotet. „Die Gestaltung und handwerkliche Fertigung der Vorpommerschen Fischerteppiche“ ist seit 2023 immaterielles Kulturerbe. Mehr Infos – hier…


Die Traditionelle Kleine Küstenfischerei

Ein kleines Fischerboot. Es liegt an einem Steg.

Die Traditionelle Kleine Küstenfischerei ist das jüngste Beispiel für immaterielles Kulturerbe in MV. Sie wurde im Frühjahr 2026 in das Verzeichnis aufgenommen und umfasst die handwerkliche Fischerei mit kleinen Booten in den küstennahen Gewässern der Ostsee und den Bodden. „Sie beruht auf spezialisiertem Wissen und handwerklichem Können, das über Generationen hinweg weitergegeben wird und eng mit den lokalen Küstengemeinschaften verbunden ist“, so die Deutsche Unesco-Kommission. „Die Ausübung erfordert ein umfangreiches, vor allem mündlich überliefertes Wissen über Fischarten, Fangplätze, Wetter, Gewässer und handwerkliche Techniken.“ Nach Angaben des Agrarministeriums gab es 1990 noch mehr als 1.400 Küstenfischer. Heute seien es weniger als 500. „Die Küstenfischerei ist weit mehr als ein Wirtschaftszweig – sie ist Teil unseres kulturellen Erbes und prägt seit Generationen die Identität unserer Küstenregionen. Dieses Wissen, diese Traditionen und die enge Verbindung von Mensch und Meer zu bewahren, ist für Mecklenburg-Vorpommern von herausragender Bedeutung“, sagt Agrar- und Umweltminister Till Backhaus. Mehr Infos – hier…