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Zum Reinhören: die Leitlinien-Podcasts

Zehn Leitlinien plus eine Präambel = elf Podcasts. Was steht in den Leitlinien? Wie sind sie zustande gekommen? Oliver Kramer (wellenrauschen-mv.de) hat bei Dr. Michael Körner (Vorsitzender des Landeskulturrates), Marion Schael (Kunst- und Kulturrat Vorpommern-Rügen), Ralph Kirsten (Kulturrat der Hansestadt Rostock) und Dr. Jan Hofmann (Sachverständiger des Landeskulturrates) nachgefragt. Unser Angebot zum Reinhören (unten) und Mitlesen (auf der Seite rechts).

Präambel

MV steht für Kunst und Kultur. Kunst und Kultur schaffen Identität und Zusammengehörigkeit. Kunst und Kultur bereichern unser Leben. Dazu: Dr. Michael Körner, Vorsitzender des Landeskulturrates.

Leitlinie 1: Wertschätzung und Anerkennung

Kunst und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern sind unverzichtbare gesellschaftliche Werte, die geschützt und gefördert werden. Zu ihrer Entfaltung sind Respekt, Wertschätzung und Anerkennung unerlässlich. Dazu Marion Schael vom Kunst- und Kulturrat des Landkreises Vorpommern-Rügen. 

 

Leitlinie 2: Gemeinsame Verantwortung für Kunst und Kultur

Die Förderung von Kunst und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern liegt in gemeinsamer Verantwortung von Land, Landkreisen und Kommunen sowie der Zivilgesellschaft. Diese Aufgabe wird gleichberechtigt und im Dialog wahrgenommen. Dazu Ralph Kirsten vom Kulturrat der Hansestadt Rostock.

 

Leitlinie 3: Kommunikation und Kooperation

Kulturpolitik für Mecklenburg-Vorpommern gestalten, das heißt: Impulse zum gemeinsamen Handeln im Sinne eines Kulturlandes geben. Dies erfordert einen regelmäßigen, verlässlichen, transparenten und gleichberechtigten Austausch und Begegnungen zwischen den unterschiedlichen Ebenen, Bereichen und Handelnden der Kulturszene im Land. Dazu Ralph Kirsten.

 

Leitlinie 4: Rahmenbedingungen für Künstlerinnen und Künstler sowie Kulturinstitutionen

Die zukunftsfähige Kulturentwicklung des Landes benötigt günstige Rahmenbedingungen für die finanzielle, strukturelle und personelle Absicherung der kulturellen und künstlerischen Angebote in Mecklenburg-Vorpommern. Dazu Dr. Jan Hofmann aus dem Landeskulturrat Mecklenburg-Vorpommern, Sachverständiger und Kulturstaatssekretär a.D.

 

Leitlinie 5: Qualität und Qualifikation

Die Entwicklung von Qualitätsstandards für die Kulturarbeit in dialogischen Verfahren und die regelmäßige, auf die Bedarfe orientierte Qualifizierung der Kulturakteurinnen und -akteure sind ständig zu erfüllende Aufgaben im Rahmen der Kulturpolitik und im Sinne einer zukunftsfähigen Kulturentwicklung in Mecklenburg-Vorpommern. Dazu noch einmal Ralph Kirsten.

 

Leitlinie 6: Kulturelle Bildung

Das Recht auf lebenslanges Lernen schließt die Kulturelle Bildung ein. Sie ist Bestandteil eines modernen Bildungsverständnisses, in dem kultur-, bildungs- und sozialpolitische Impulse zusammenfließen. Kulturelle Bildung gewährleistet den Zugang zu Kunst und Kultur sowie den Erwerb und die Entwicklung von kulturellen Fähigkeiten. Dazu Marion Schael.

 

Leitlinie 7: Diversität und Teilhabe

Jeder Mensch hat ein Recht auf gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Kulturelle Teilhabe und aktive kulturelle Betätigung werden für alle Menschen in Mecklenburg-Vorpommern mit ihren unterschiedlichen Ansprüchen und Ausgangsbedingungen uneingeschränkt und lebensbegleitend ermöglicht. Dazu Marion Schael.

 

Leitlinie 8: Kulturelle Angebote für Stadt und Land

Die Lebensqualität zeigt sich auch in der Identifikation der Menschen mit ihrer Region. Unabhängig davon, ob der jeweilige Lebensmittelpunkt auf dem Lande oder in der Stadt liegt, werden für alle Menschen kulturelle Angebote vorgehalten, die erreichbar und zugänglich sind. Dazu noch einmal Marion Schael.

 

Leitlinie 9: Kunst und Kultur in der digitalen Gegenwart und Zukunft

Das digitale Zeitalter beeinflusst den Kunst- und Kulturbetrieb in seiner Gesamtheit. Kunst und Kultur übernehmen im Zusammenspiel von analoger und digitaler Welt eine Vermittlungsfunktion. Ein offener und kritischer Diskurs über Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung sowie die aktive Gestaltung im Kunst- und Kulturbetrieb ist deshalb permanent und unerlässlich. Dazu: Dr. Jan Hofmann.

 

Leitlinie 10: FreiRäume für Kunst und Kultur

Zu Kunst und Kultur gehören FreiRäume. Aus ihnen erwachsen Kreativität und Innovationskraft. Diese FreiRäume bedürfen der Akzeptanz, des Schutzes und der öffentlichen Förderung. Dazu Dr. Jan Hofmann.

 

Was ist los in MV?!

00:00 - 23:59 Uhr, OZEANEUM Stralsund

Ganztägig, St. Georgen-Kirche in Wismar

10:00 - 17:00 Uhr, to Hus in Middelhagen , Rügen

Alle Podcasts zum Mitlesen: Einfach klicken und klappen

Oliver Kramer: Herzlich willkommen, Herr Dr. Körner. Was erhoffen Sie sich von den kulturpolitischen Leitlinien?

Dr. Michael Körner: Das übergeordnete Ziel der Leitlinien ist es, die Bedeutung von Kunst und Kultur zukünftig zu stärken, ihr unerschöpfliches Potential für das gesellschaftliche Leben herauszustellen. Die Leitlinien betonen, entsprechend Grundgesetz Artikel 5, aber natürlich auch die Freiheit der Kunst und, nach Artikel 16 der Landesverfassung, die gemeinsame Verantwortung von Land und Kommunen für Kunst und Kultur. Oder um es mit anderen Worten noch einmal zu sagen: Die zukünftige Weiterentwicklung unserer Kulturlandschaft ist der Kern der kulturpolitischen Leitlinien in Mecklenburg-Vorpommern.

Oliver Kramer: Der Beteiligungsprozess hat gut zwei Jahre gedauert. Was bleibt aus Ihrer Sicht in Erinnerung?

Dr. Michael Körner: Hier wären zwei Aspekte zu nennen. Die Leitlinien sind einmal das Ergebnis eines in seiner Breite und Intensität beispiellosen kulturpolitischen Beteiligungsprozesses. Hunderte Kunst- und Kulturschaffende wirkten daran mit. Aus Landesverbänden, aus Kommunen und Landesverwaltung, aus Einrichtungen und der Kulturpolitik. Und zum anderen sind sie Resultat einer gemeinsamen Willensbildung von Ministerium und Landeskulturrat – und damit ein gemeinsamer Erfolg. Dass dieser Konsens gelang, ist wunderbar und keineswegs selbstverständlich. Ich danke allen, die sich am Leitlinienprozess beteiligt haben, herzlich.

Aber damit sind die Leitlinien kein systematisches Thesenpapier und wollen dies auch gar nicht sein. Sie sind vielmehr ein ziemlich umfassendes Dokument auf der Höhe der gegenwärtigen Diskussion und zur Abbildung des gegenwärtigen kulturpolitischen Diskussionsstandes in Mecklenburg-Vorpommern.

Oliver Kramer: Wenn wir jetzt mal zwei Jahre vorausblicken: Was glauben Sie: Welche Rolle werden die Leitlinien dann spielen?

Dr. Michael Körner: Die Themen der Leitlinien sind die Grundlage einer zukünftigen, Konzept basierten Kulturpolitik. Ihre Einzelaspekte werden in den nächsten Jahren in einem abgestimmten Verfahren nach und nach umgesetzt werden. Kulturpolitische Fragen haben natürlich immer auch finanzielle Aspekte. Und die vorliegenden Leitlinien wecken natürlich nachvollziehbare Erwartungen. Dem müssen zukünftige Landes- und Kommunalhaushalte Rechnung tragen. Dabei sind natürlich auch die Erfahrungen aus der Corona-Krise wichtig. Die Kulturpolitik des Landes ist in besonderer Weise gefordert, deren Folgen zukünftig abzumildern. Aber ich gehe davon aus, dass die Leitlinien ihre Gültigkeit für die gesamte kommende Legislaturperiode behalten werden. Und die politischen Gruppierungen im Land sind gut beraten, sich mit ihnen zu befassen.

Die Leitlinien bieten viel Raum für Mitwirkung in einer lebendigen Verantwortungsgemeinschaft. Sie richten sich an alle, die Kunst und Kultur hervorbringen, ermöglichen und zum Leben brauchen. Mecklenburg-Vorpommern ist ein Kulturland – und jetzt ein Kulturland mit Leitlinien.

Oliver Kramer: Frau Schael, wofür stehen aus Ihrer Sicht Kunst und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern?

Marion Schael: Ich würde sagen, Mecklenburg-Vorpommern, Sie wissen es, ist ein großes Flächenland. Wir haben aber nicht nur schöne Strände. Und wir haben nicht nur schöne Wälder und die leckeren Fischbrötchen anzubieten. Sondern wir sind ein Land, in dem unwahrscheinlich viel Kunst und Kultur stattfindet - angesiedelt ist. Das macht für mich Mecklenburg-Vorpommern aus. Und das vom äußersten Ostzipfel bis zum äußersten Westzipfel. Da kann man unendlich viel entdecken.

Oliver Kramer: In der Leitlinie 1 ist von „gesellschaftlichen Werten“ die Rede. Was macht Kunst und Kultur unverzichtbar?

Marion Schael: Ich sage immer: Kunst und Kultur sind Lebensmittel. Ich glaube, Kunst und Kultur geben zum einen Halt. Sie geben auch Orientierung. Sie schaffen Heimatverbundenheit. Sie schaffen aber auch eine Weltoffenheit: Also ich muss mal über meinen Tellerrand schauen und nicht nur in meinem kleinen inneren Zirkel verhaftet bleiben. Sie schaffen zudem Vertrauen, ein Lebensgefühl und ein Sich-Wohlfühlen im Land.

Oliver Kramer: Wie kann man diese gesellschaftlichen Werte schützen?

Marion Schael: Indem man sie anerkennt, wertschätzt. Das ist ja unsere erste Leitlinie. Und auf jeden Fall auch mehr sichtbar macht. Und dass man es auch gemeinsam lebt. Dass man sich bekennt zu Kunst und Kultur und erkennt, dass man das zum Leben auch braucht.

Oliver Kramer: Respekt, Wertschätzung und Anerkennung – was heißt das in der Praxis? Können Sie dazu ein Beispiel geben?

Marion Schael: Da bleiben wir doch gleich mal bei den Leitlinien, bei unserer Arbeitsgruppe. Da gehört es dazu, dass man sich gegenseitig wertschätzt, dass man die Meinung des anderen akzeptiert. Da reibt man sich auch mal. Reibung erzeugt Wärme - und Wärme erzeugt wieder neue Energie. Und dass man einfach gemeinsam an einem Ziel arbeitet. Und das Ziel war eben, wunderbare zehn Leitlinien für das Land Mecklenburg-Vorpommern zu erarbeiten. Und ich glaube, das ist in der Arbeitsgruppe sehr gut gelungen.

Oliver Kramer: Ein weiteres Ziel heißt, Kunst und Kultur stärker zu verankern. Welche Projekte können dabei helfen? Gibt es da konkrete Ideen?

Marion Schael: Ich glaube, dass es gut wäre, wenn es regelmäßige Treffen geben würde zwischen Politik und Kulturakteuren. Wenn zum Beispiel der Landeskulturrat weiter als etabliertes Gremium existiert und sich auch noch besser aufstellt, also sich verstärkt in seiner Arbeit. Dann natürlich, wenn man das nach unten runterbricht, auch die Kreiskulturräte. Wir haben acht Kreiskulturräte in sechs Landkreisen und zwei kreisfreien Städten, die immer noch um Anerkennung ringen. Ich glaube, das wäre ganz wichtig. Und dann geht man natürlich weiter in die Breite. Wir verstehen uns ja als Dachorganisation der Kunst- und Kulturschaffenden. Und so kann man dann miteinander, also von oben nach unten und von unten nach oben, gemeinsam Kunst und Kultur doch wesentlich mehr stärken und Informationen dazu transportieren, Wünsche, Anregungen, Bedarfe. Das würde ich mir sehr gut vorstellen und wünschen.

Oliver Kramer: Herr Kirsten, die Förderung von Kunst und Kultur im Dialog wahrzunehmen – was bedeutet das für Sie?

Ralph Kirsten: Es gibt nicht nur bei der Förderung, sondern auch in der Kultur selber ganz unterschiedliche Akteure. Und das heißt, die müssen sich verständigen - und das sollte eigentlich auf Augenhöhe passieren. Es spielt keine Rolle mehr, dass da einer sagt, ich habe hier das Geld und ich kann sagen, was gemacht wird. Die Akteure müssen sich verständigen über die Ziele, die sie haben. In der Vergangenheit gab es manchmal Sachen zwischen Land und Kommune, die geklemmt haben. Aber meine Erfahrung, gerade aktuell in der Corona-Krise, ist, dass alle Seiten jetzt diesen Dialog führen - und auch sehen, dass es Sinn macht, diesen gleichberechtigt und im Austausch zu führen.

Oliver Kramer: Sie sprachen es gerade an: „Gemeinsam“ heißt das Stichwort. Wer genau ist denn aufgerufen, sich zu beteiligen?

Ralph Kirsten: Man könnte jetzt sagen: Alle! Aber das ist natürlich auch falsch. Sondern die Akteure sind aufgerufen, die an dem Prozess Interesse haben und beteiligt sind. Es hat ja keinen Sinn, dass wir zusammenkommen und über irgendetwas ohne Ziel reden. 

Oliver Kramer: Was können insbesondere das Land, die Kreise und die Kommunen tun?

Ralph Kirsten: Sie schaffen zunächst einmal die Rahmenbedingungen für die Kulturförderung. Eine gewisse Verlässlichkeit herzustellen und auch eine gute Kommunikationsmöglichkeit für die Kulturakteure: Das wären für mich die zentralen Aufgaben. Die Leitlinien selber nennen ja noch ein paar Sachen, die auch gemeinsam gelöst werden müssen. Zum Beispiel mal zu klären: Was heißt eigentlich Grundversorgung in einem Flächenland, kulturelle Grundversorgung? Oder die Modernisierung des Zuwendungsrechtes. Das sind Sachen, da müssen sich unterschiedliche Förderer absprechen.

Oliver Kramer: Zu den Empfehlungen in der Leitlinie zählt das Erarbeiten einer landesweiten Kulturstatistik. Wie sind da Ihre Erwartungen?

Ralph Kirsten: Die Erwartung ist erst einmal: Nicht Statistik um der Statistik willen. Wir haben bei den Leitlinien extra auf eine ausführliche, vorgeschaltete Analyse verzichtet und gesagt, wir beziehen viele Leute ein. Das heißt, wir haben dort Know-How drin. Aber wir merken zugleich auch, dass es wichtig ist für zukünftige Entscheidungen, Grundlagen zu haben und zu sehen, wo sind Handlungsschwerpunkte. Ich möchte hier auch ein negatives Beispiel nennen: Eine sehr gute Grundlage ist eigentlich der Kulturwirtschaftsbericht des Landes von 2016, der aber leider folgenlos geblieben ist. Deshalb nicht Statistik um der Statistik willen, sondern Statistik als Grundlage, um nachher konzeptionelle Kulturpolitik mit Erfolg zu praktizieren.

Oliver Kramer: Herr Kirsten, es heißt, „Impulse geben zum gemeinsamen Handeln“. Wie können diese Impulse aussehen?

Ralph Kirsten: Impulse heißt ja zunächst einmal, Akteure in Bewegung zu setzen. In der Hinsicht können Impulse sein: Finanzen, die ich gebe. Es kann sein: ein Austausch, eine Begegnung, ein Gespräch. Es kann ein Motto sein, das das Land vorgibt. Es können Preise und Stipendien sein. Also: Impulse können sehr vielfältig sein. Und die Kulturpolitik sollte sehen, welche Momente und welche Anreize sie schafft, ganz unterschiedlicher Art, um Bewegung in die Kulturlandschaft zu bringen.

Oliver Kramer: Stichwort Vernetzung. Sie sagten es bereits. Gibt es Pläne, Ideen oder auch ein Beispiel aus der Praxis?

Ralph Kirsten: Ein Beispiel ist natürlich schon allein der Prozess der Leitlinien. Die vielen Zusammenkünfte, die da stattgefunden haben. Die Regionalkonferenzen waren schon ein ganz konkretes Beispiel für Vernetzung. Das haben auch alle Beteiligten als sehr sinnvoll und wertschätzend empfunden. Ich glaube, das zweite ist auch die Corona-Krise, die natürlich auch eine Zusammenarbeit auf einer ganz anderen Ebene, auf einer digitalen Ebene sehr schnell geschaffen hat. Ich komme aus Rostock. Wir haben sehr schnell wöchentliche Videoschalten unter den Kulturleuten zusammen mit der Kulturverwaltung und der Kulturpolitik organisiert. Digital hat immer das Problem, dass ein bisschen die Empathie fehlt, es fehlt der direkte Kontakt. Aber in einem Flächenland, glaube ich, ist das ein sehr gutes Mittel, um kontinuierlich Austausch zu ermöglichen.

Oliver Kramer: Eine Empfehlung der Leitlinie lautet, das Kulturland MV als Marke zu etablieren. Wie kann man dieses Ziel erreichen?

Ralph Kirsten: Zunächst müssen wir gucken, welche Rolle Kultur bei uns spielt. Ich war sehr erstaunt in der Corona-Krise, als alle Hotels gebrüllt haben, wir müssen die Hotels aufmachen. Wir merken jetzt, es kamen auf einmal sehr viele Touristen und wir haben einen wahnsinnigen Schub bekommen in den Museen und bei den Besucherzahlen. Aber da hat keiner geschrien am Anfang: „Das müssen wir auch aufmachen - und das gehört mit dazu.” Das ist so ein Aspekt: Welche Rolle spielt in einem Tourismusland die Kultur?

Das zweite ist: Wir müssen auch die lebende Kultur in den Blick nehmen. Ich habe jetzt gerade wieder einen Flyer gesehen über das Kulturland. Da war sehr viel von Backstein, so gut das ist, die Rede. Also sehr vergangenheitsorientiert. Wenn ich aber durch Rostock gehe, dann sehe ich viele junge Kulturschaffende und ich frage mich: Wo zeigen wir das moderne Kulturland, das lebende Kulturland Mecklenburg-Vorpommern? Das wäre auch eine Aufgabe unter diesem Label.

Oliver Kramer: Herr Dr. Hofmann, günstige Rahmenbedingungen für Kunst und Kultur – was bedeutet das konkret?

Dr. Jan Hofmann: Sie treffen hier den Kern, glaube ich. Es gibt ein paar Personen, die würden meinen, das sei die wichtigste Leitlinie. Was völliger Unfug ist: Sie ist genauso wichtig wie jede andere. Aber sie meint tatsächlich, wie viel Geld in das System fließt, wie viele Personen in dem System beschäftigt sind und welche nützlichen, sinnvollen und nachhaltigen Strukturen gefördert werden. Wir haben einen modernen, wenn man so will solidarischen Föderalismus in Deutschland. Wir sind nur eines von 16 Bundesländern. Bund, Länder, Kommunen und Gemeinden und natürlich in Einzelfällen sogar die europäische Gemeinschaft einigen sich darüber, welches Verständnis sie haben. Insofern ist tatsächlich die Ausgestaltung dieser Rahmenbedingungen die entscheidende Grundlage für die Perspektive dieses Landes in diesem Bereich.

Oliver Kramer: Was können Land und Kommunen zu diesem Prozess beitragen?

Dr. Jan Hofmann: Das Land ist ja, wenn man mal vom Grundgesetz ausgeht, überwiegend mit den Kommunen der Verantwortungsträger: 90 Prozent. Der Bund ist im Wesentlichen raus, jedenfalls nach Grundgesetz, Artikel 30. Aber es ist trotzdem erforderlich, dass das Land und die Kommunen gemeinschaftliche Überlegungen anstellen, wie sie die verschiedenen Sektoren, die hineinfließen, miteinander kombinieren. Da ist zum einen die öffentliche Hand. Das ist der Staat, das sind die Steuereinnahmen, die fließen, über die das ganze System finanziert wird. Da ist der freie Markt und all jene, die auch Geld mit dem Unternehmen Kunst und Kultur verdienen. Und es sind die unglaublich ungezählten Mengen an gemeinnützigen Organisationen, die sich engagieren. Das alles zu matchen und daraus ein vernünftiges Ganzes zu machen, ist eine der Grundideen der Leitlinien. Kunst und Kultur ist Querschnittsaufgabe. Deshalb ist es nicht nur eine Frage von Kulturpolitik, sondern ein gesamtgesellschaftliches Thema.

Oliver Kramer: Wie können insbesondere ehrenamtlich Tätige in Kunst und Kultur unterstützt werden?

Dr. Jan Hofmann: Die Ehrenamtlichen sind ja eine wahnsinnige Säule. Und man muss das auch wirklich sagen: Es ist ein Ehrenamt und es geht nicht darum, zusätzliche Finanzen fürs Ehrenamt herzuleiten. Aber es gibt da eine ganze Reihe Möglichkeiten. Eines ist die Steuergesetzgebung in ganz Deutschland, beispielsweise. Da wäre die Frage auch mit anderen Ländern zu diskutieren, wie man vor dem Hintergrund von Steuergesetzgebungsregelungen Vorteile schafft, von denen durchaus auch der Ehrenamtler etwas hat. Es ist andererseits die Möglichkeit, wie das zum Beispiel im Sport ist, mit Aufwandsentschädigungen zu arbeiten.

Aber Fakt ist: Es geht hier nicht um bezahlte Jobs, sondern ums Ehrenamt, um die Würdigung und Wertschätzung dieser ehrenamtlichen Leistungen über einen längeren Zeitraum.

Oliver Kramer: Herr Kirsten, wie entwickelt man eigentlich Qualitätsstandards für Kulturarbeit?

Ralph Kirsten: Zunächst braucht man erst mal eine Sparte. Oder man muss ein Feld definieren, wo man sagt, da lohnt es sich, Qualitätsstandards zu entwickeln. Das wird im Kulturbereich immer mit speziellen Sparten verbunden sein, also für Bibliotheken, für freie Theater, für Galerien. Es wird ja schon in der Leitlinie gesagt, dass das dialogisch passieren muss. Ich bin überhaupt erst mal froh, dass wir so intensiv über Qualität diskutieren. Das war in der Vergangenheit oft nicht so. Die Kulturakteure haben sich eingeschränkt gesehen und gesagt, wenn da Standards kommen, das schränkt uns ein in unserer künstlerischen Freiheit. Und die Kulturverwaltung hat sich einfach nur Zahlenkolonnen vorgestellt bei Qualitätsstandards. Jetzt kommen aber beide Seiten zusammen, bemerken, wir brauchen Qualitätsstandards, aber wir müssen sie gemeinsam entwickeln.

Oliver Kramer: In der Leitlinie werden Zielvereinbarungen empfohlen. Was ist konkret damit gemeint?

Ralph Kisten: Zielvereinbarung ist die gemeinsame Festlegung von mittelfristigen Zielen, die eine geförderte Kultureinrichtung erreichen soll. Ich finde das ein sehr sinnvolles Mittel, um einerseits am Anfang nicht nur zu sagen, wir wollen 20 Veranstaltungen machen, sondern auch sehr zielgenau zu bestimmen: Was ist das Ziel? Wo wollen wir in drei Jahren stehen? Welche Zielgruppen wollen wir erreichen? Das sind für mich moderne Steuerungsinstrumente in der Kulturförderung.

Oliver Kramer: Können Sie ein, zwei Beispiele für Zielvereinbarungen nennen?

Ralph Kirsten: Ich komme vom Literaturhaus Rostock, bin dort im Vorstand. Wir haben eine Zielvereinbarung mit dem Land. Die ist entstanden in einer gemeinsamen Beratung, wo wir vorgestellt haben, was macht das Literaturhaus - und wo wir gemeinsam besprochen haben, was sind die Ziele, die wir erreichen wollen in Bezug auf Lesungen, in Bezug auf Leseförderung für Kinder und Jugendliche, in Bezug auf Autorenförderung, also Schriftstellerförderung. Sie läuft jetzt gerade aus und wir werden sie neu verhandeln. Ich hätte mir manchmal sogar etwas mehr Dialog gewünscht in diesen Zielvereinbarungen. Aber das verlangt Ressourcen – und die müsste es auf beiden Seiten geben. Und ich muss ehrlich sagen, die sehe ich zurzeit nicht.

Oliver Kramer: Ziel sind auch regelmäßige Fort- und Weiterbildungen für Kulturakteure. Gibt es dahingehend schon einen Plan?

Ralph Kirsten: Da kann man jetzt einerseits in die Leitlinien gucken. Aber ich kann natürlich auch Bausteine nennen, die jetzt schon da sind. Wir haben Mentoring-Projekte im kulturellen Bereich, zumindest für den Bereich Bildende Kunst und für den Bereich Literatur. Und so eine Idee wie die Weiterbildungsbörse halte ich für extrem wichtig, um auch zu sehen, welche Ressourcen gibt es. Ich selber werde im nächsten Jahr 65 und ich überlege ja auch, wie gebe ich mein Know How weiter und wird das abgerufen?

Oliver Kramer: Auch in Leitlinie 5 – Qualität und Qualifikation – geht es um das Thema Vernetzung. Weshalb ist die hier so wichtig?

Ralph Kirsten: Ich denke, weil wir die Ressourcen oftmals gar nicht kennen. Wir gucken in unserer eigenen Sparte. Wir gucken oftmals vielleicht im eigenen Haus. Aber wir schauen zu wenig, welche Leistungsträger, wenn man das so will, haben wir auf diesen unterschiedlichen Gebieten? Egal, ob es um Öffentlichkeitsarbeit, um Buchhaltung, Antragstellung geht – die wird man nur erreichen, wenn man sich austauscht und guckt, wer könnte welche Weiterbildung auch übernehmen. Denn ich sehe, so wünschenswert es wäre, in der nächsten Zeit nicht eine zentrale, große Weiterbildungseinrichtung für die Kultur in diesem Land.

Oliver Kramer: Frau Schael, wo fängt Kulturelle Bildung eigentlich an?

Marion Schael: Für mich fängt kulturelle Bildung auf jeden Fall bereits im Kindergarten an und führt sich dann weiter in der Schulbildung. Ich glaube, dass man dort schon die Fähigkeiten erlernen muss, mit Kunst und Kultur umzugehen, einen Blick dafür zu haben. Kunst und Kultur ist vielfältig. Wir haben formale, non-formale und informelle Bildung. Und die müssen herauskristallisiert werden. Das muss schon im Kindesalter beginnen, damit ich dann als Erwachsener überhaupt noch das Auge dafür habe.

Oliver Kramer: In den Leitlinien wird ein landesweites Konzept zur Kulturellen Bildung empfohlen. Was könnte dieses Konzept ausmachen?

Marion Schael: Ich wünschte mir da eine noch verstärkte Zusammenarbeit zwischen schulischen und außerschulischen Einrichtungen, um einfach Bildungspartnerschaften zu gründen, zu bilden, zu stärken. Um beide Fähigkeiten, also zum einen das, was wir lernen müssen, und das, was wir aber durch Hörensagen, durch Mitmachen, durch Ausprobieren erlernen, dass man das stärker kombiniert und dass man daraus die Fähigkeiten, die man fürs Leben dann später braucht, mitnimmt.

Oliver Kramer: Wie können Kooperationen zum Beispiel mit Schulen aussehen?

Marion Schael: Ich könnte mir da zum Beispiel Kulturvermittler vorstellen. Ich wünschte mir, dass mehr Kunst und Kultur auch aus der Schule heraus gefordert wird und in die Lernprogramme aufgenommen wird. Wir zum Beispiel im Kunstmuseum arbeiten sehr stark mit Schulen in unserer Region zusammen. Da haben wir natürlich immer das Problem der Mobilität. Aber: Es ist erkennbar, dass die Kinder, wenn sie vor einem Originalgemälde stehen und nicht auf dem Handy wischen, schieben, machen, doch irgendwo eine Fähigkeit erlernen und auch Spaß daran haben. Und das muss eben einfach frühzeitig ausgebildet und geschult werden.

Oliver Kramer: Wie kann die Leitlinie zur Kulturellen Bildung die Zusammenarbeit in MV stärken?

Marion Schael: Eine gute Zusammenarbeit von Kultur und Sozialträgern und Einrichtungen, Wissenschafts-, Bildungseinrichtungen, Kinder-, Jugend-, Migranten- und Senioreneinrichtungen, das auf regionaler und überregionaler Ebene, unterstützt sozusagen diesen Zweck und fördert die kulturelle Bildung in verstärktem Maße. Sie kann direkt auf gesellschaftliche Situationen reagieren, wenn die gestärkt und nach vorne gebracht wird bei Kindern und Jugendlichen, die ja daraus dann aus ihren Erfahrungen auch fürs Leben schöpfen. Dabei muss man daran denken: Es muss spartenübergreifend sein, es muss milieuübergreifend sein, es muss gendergerecht sein. Also, wir haben da ganz viele Facetten dabei, wofür kulturelle Bildung schon den Grundstein legen kann.

Oliver Kramer: Frau Schael, Kunst und Kultur für alle. Was können die Leitlinien dazu beitragen?

Marion Schael: Die Leitlinien sind dazu da, Orientierung zu geben und die Chancengleichheit und die Gleichstellung aller Menschen zu erreichen - und auch einen fairen Zugang auf allen Ebenen. Das heißt, dass Menschen mit Behinderung oder ohne Behinderung, mit ethnischen Hintergründen, mit Sprachbarrieren, wie auch immer, einen Zugang zu Kunst und Kultur finden. Die Leitlinie ist dazu da, dass wir das erkannt haben, dass das wichtig ist und dass man das einfach stärkt und mehr in den Vordergrund rückt.

Oliver Kramer: Wie können Diversität und Teilhabe gefördert werden?

Marion Schael: Da gibt es ganz viele Möglichkeiten. Barrierefreiheit – kennt jeder, das Wort. Das ist die einfachste Variante. Aber wir haben ja auch die einfache Sprache. Wir haben Blindenschrift. Wir haben diverse andere Möglichkeiten, Kunst und Kultur zu vermitteln. Da gibt es noch ein ganz großes Feld, das bearbeitet werden muss. Und das muss auch verstärkt jetzt passieren.

Oliver Kramer: Können Sie Beispiele geben für inklusive Kulturangebote?

Marion Schael: Ein Beispiel finde ich ganz spannend, und das werden wir bei uns im eigenen Museum jetzt auch vorantreiben: Und zwar hat der Verein „Lebenshilfe Hagenow“ mit dem Schweriner Museum zusammen Menschen mit Beeinträchtigungen zu Museumsführern ausgebildet. Das heißt, Menschen, die sonst möglicherweise nie durch ein Museum führen und Kunstwerke vorstellen, zeigen ihre Lieblingsbilder, ihre Lieblingsobjekte. Ich glaube, das ist ein ganz tolles Beispiel.

Oliver Kramer: Diversität und Teilhabe. Auch hier geht es um Austausch. Wie kann die Vernetzung in der Praxis gelingen?

Marion Schael: Indem man mehr aufeinander zugeht und mehr miteinander spricht. Indem man hinterfragt: Wo sind die Barrieren? Wo haben wir Nachholbedarf? Wo muss man ansetzen, damit Gäste sich wohlfühlen - und dass man Kunst und Kultur eben auch in die breite Masse bringen kann?

Oliver Kramer: Frau Schael, wie kann man Kultur in Stadt und Land stark machen?

Marion Schael: Ich sehe es so, dass eine kulturelle Grundversorgung ein Teil der Daseinsvorsorge ist. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass vor allem der ländliche Bereich – und Mecklenburg-Vorpommern hat ja einen starken ländlichen Bereich vor allem Richtung polnische Grenze – in den Vordergrund rückt. Da muss ganz viel getan werden. Weil Kunst und Kultur eben auch ein Teil der Bildung ist, der Fähigkeit ist, Missstände zu erkennen. Da kann man mit kulturellen Angeboten ganz viel erreichen. Das darf nicht vernachlässigt werden. Da sollen die Leitlinien eigentlich auch eine Hinführung darstellen, dass man das erkennt und dass man daran arbeitet. Vor allem die Initiativen, die es bereits gibt im ländlichen Raum, dass man die stärkt und unterstützt, weil es ganz wichtig ist, damit eine Diversität auf dem Land auch erhalten bleibt.

Oliver Kramer: In den Leitlinien wird die Öffnung von Räumen - zum Beispiel für Veranstaltungen - empfohlen. Können Sie da auch ein Beispiel für nennen?

Marion Schael: Jedes Dorf, oder fast jedes Dorf, hat eine Feuerwehr. Die haben in der Regel einen Feuerwehrraum, einen Treffraum. Den könnte man nutzen. Den muss man nicht nur für Sitzungen der Feuerwehr nutzen. Da können sich auch auf den Dörfern Menschen treffen. Da braucht es natürlich Initiative. Aber das wäre ein Beispiel. Schulaulen sind auch Räume, die man nutzen kann. Gemeindezentren. Oftmals gibt’s dort auch einen größeren Raum. Man muss einfach quer denken, dass man versucht, vorhandene Strukturen zu nutzen - und untereinander dann zu interaktiven Veranstaltungen zu kommen, die wunderbare Bereicherungen sein können für das ländliche Leben.

Oliver Kramer: Ein weiteres Thema ist die Mobilität. Wie kann man diese fördern, insbesondere auf dem Land?

Marion Schael: Da muss man sicherlich an die Nahverkehrsbetriebe herantreten - und da noch mal auch neu denken. Wenn nur morgens und abends ein Bus fährt und ansonsten passiert in der Region nichts, dann ist es natürlich schwierig. Und man kann nicht erwarten, dass alle selber mobil sind. Gerade im ländlichen Raum gibt es auch viele Menschen, die älter sind. Die dann gar nicht mehr in der Lage sind, mobil unterwegs zu sein, aber durchaus in der Lage sind, kulturelle Angebote zu konsumieren und daraus für ihr Leben und für ihr Dasein positive Momente herauszunehmen. Es ist ganz wichtig, dass man Möglichkeiten schafft, wie Kunst und Kultur aus den Städten in den ländlichen Raum kommen kann. Aber andersrum auch, wie die Menschen, die auch mal raus wollen, wie die in der Lage sind, Kunst und Kultur auch in den Städten zu konsumieren und dort auch hin zu gelangen, aber auch wieder nach Hause zu kommen.

Oliver Kramer: Auch Kulturentwicklungsplanungen werden in der Leitlinie empfohlen. Was versprechen Sie sich davon?

Marion Schael: Da würde ich gern mal ein Beispiel aus meinem Landkreis geben: Vorpommern-Rügen. Wir haben parallel zum Leitlinienprozess eine Arbeitsgruppe gebildet. Aus dem Kreiskulturrat, der Kulturabteilung des Landkreises und der Kulturabteilung der Hansestadt Stralsund. Wir haben uns regelmäßig getroffen und erarbeiten gemeinsam auch eine Art Kulturentwicklungsprogramm für den Landkreis Vorpommern-Rügen, um parallel mit den Leitlinien in die Zukunft zu denken und zu überlegen, wie kann im Landkreis Vorpommern-Rügen Kunst und Kultur besser sichtbar gemacht werden, gestärkt werden, und wie kann man Missstände, die es teilweise gibt, erkennen und gezielt daran arbeiten.

Oliver Kramer: Herr Dr. Hofmann, Digitalisierung: Welche Chancen sehen Sie für Kunst und Kultur in MV?

Dr. Jan Hofmann: Die erste und wichtigste Voraussetzung, das A und O würde ich sagen, ist ein ziemlich schneller Breitbandausbau im ganzen Land. Und die Möglichkeit, in Hard- und Softwareentwicklung tatsächlich dieser neuen digitalen Herausforderung auch begegnen zu können.

Das Zweite ist meines Erachtens: Wir sollten diese beiden Systeme, analoge und digitale Zeit, nicht gegeneinander ausspielen, sondern miteinander verknüpfen. Wir sind in einer solchen Übergangsphase: Das Alte ist noch nicht ganz weg, das Neue ist noch nicht ganz da und sollte auch weiterhin gefördert werden.

Für die Digitalisierung gibt es drei bis vier wichtige Aspekte. Das eine ist die Archivierung des gesamten Kulturgutes, das wir im Land haben. Das ist eine große Herausforderung, vor der wir jetzt stehen, um sozusagen das nationale Gedächtnis anzureichern. Das Zweite ist meines Erachtens die Erkundung von Kunst und Kultur durch die Konsumenten mit der Möglichkeit der modernen Welt. Der virtuelle Spaziergang durch Galerien, Ausstellungen und Museen. Man muss dann gar nicht mehr überall gewesen sein. Obwohl das nichts gegen das Authentische sagen soll. Das Dritte wäre natürlich das, was wir heute unter einer modernen Netzkultur und die Kulturarbeit innerhalb moderner Netze verstehen. Und das Vierte wäre das Kunstwerk selber in Tanz, Musik, Malerei, Grafik, sozusagen als Entstehungsprozess mit den Möglichkeiten der Digitalisierung.

Oliver Kramer: Wie groß ist das Unternehmen Kunst und Kultur vor dem Hintergrund der Digitalisierung?

Dr. Jan Hofmann: Die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland hat 1,5 Millionen Beschäftigte. Ein unglaublicher Großbetrieb. Und der hat im Jahr 145 Milliarden Euro Umsatz. Wenn man sich diese Größenordnung vergegenwärtigt, kann man sich vorstellen, und wir haben es in der Corona-Zeit erlebt: Man kann am Abend in jedem Konzertsaal der Welt zu Hause sein. Man kann sich an interessanten Diskussionen im Netz beteiligen. Das heißt: Wir erleben tatsächlich im Moment eine Situation, indem die Teilhabe an diesen Möglichkeiten durch die Digitalisierung maßgeblich gegeben ist und inzwischen auch genutzt wird. Dies müsste man weiter ausbauen.

Wir haben vor vielen Jahren die erste Welle der Digitalisierung gehabt: Da wurden CDs hergestellt. Dann kam die zweite Welle: Dann war der mp3-Player auf dem Markt. Und jetzt sind wir in der dritten Welle. In einer wahnsinnig vernetzten Geschwindigkeit verschiedener Zielgruppen mit ganz genauen, punktgenauen Angeboten, die der Markt liefert. Das bedeutet, die Geschwindigkeit dieser Digitalisierungsschraube wird schneller und größer. Und alle sind gut beraten, sich darauf einzustellen.

Oliver Kramer: Spannende Thematik. In der Leitlinie wird eine eigene Agenda für den Kulturbereich empfohlen. Was kann diese Ihrer Meinung nach beinhalten? Und woran könnte die Agenda anknüpfen?

Dr. Jan Hofmann: Der Deutsche Kulturrat hat ja schon 2010 oder 2011, wenn ich es richtig erinnere, und die Bundesregierung auch später, verschiedene Optionen zur digitalen Welt und den Perspektiven in dieser digitalen Welt geschaffen. Auf der Grundlage solcher Dokumente wäre es ratsam und sinnvoll, auch für den Kunst- und Kulturbereich in unserem Lande eine gemeinschaftliche Vorgehensweise ressortübergreifend mit allen beteiligten Ressorts dieser Landesregierung zu wählen. Dazu alle Kunst- und Kulturschaffenden einzuladen und sozusagen eine breite Plattform des Selbstverständnis zum Thema „Digitale Welt und was sagt uns das für Kunst und Kultur“ zu schaffen.

Oliver Kramer: Herr Dr. Hofmann, zunächst zur Definition: Was verstehen Sie unter FreiRäumen?

Dr. Jan Hofmann: Das ist ein ziemlich gigantischer Begriff. Der meint: Zeit, also freie Zeit. Freier Raum. Freier Geist. Freies Gefühl. Auch rechtsfreier Raum. in bestimmter Weise. Das alles fließt zusammen in einen ziemlich komplexen Freiheitsbegriff, der tatsächlich für die Kunst unerlässlich ist.

Eine Idee, die in den Leitlinien diskutiert werden, waren die sogenannten Raumpioniere. In Regionen in diesem Lande, in denen kaum noch jemand lebt, möglicherweise durch eine eloquente Steuergesetzgebung jungen Leuten, Künstlern aus der ganzen Republik die Möglichkeit zu geben: Geht dorthin, baut euch ein kleines Business auf, ihr werdet Steuervorteile haben, um sozusagen diese Region möglicherweise auch über die Mittel der Kunst wiederzubeleben. Das sind so Ideen, die entstanden sind in den Workshops zum Thema FreiRaum.

Oliver Kramer: In der Leitlinie steht, dass in der Verbindung von Kunst, Kultur und Wissenschaft großes Potenzial liege. Was ist aus Ihrer Sicht damit gemeint?

Dr. Jan Hofmann: Ich glaube, der Wissenschaftsstandort Mecklenburg-Vorpommern mit „Blaue Liste“-Instituten, Universitäten, Fachhochschulen und der Kunst- und Kulturstandort Mecklenburg-Vorpommern sind zwei gigantische Großdinge, die teilweise noch zu wenig miteinander verbunden sind. Wenn das gelingen kann, Wissenschaft und Kunst miteinander in eine symbiotische Verbindung zu bringen, könnte das für die überregionale Strahlkraft, aber vor allen Dingen auch für die Leute, die hier leben, eine großartige Bedeutung haben.

Oliver Kramer: Können Sie ein Beispiel für sogenannte FreiRäume nennen?

Dr. Jan Hofmann: Das Digitallabor in Neustrelitz ist eine gigantische Angelegenheit. Sowohl, was die Produktion von Kunst in Echtzeit für das Publikum bedeutet. Aber vor allen Dingen ein Beispiel: Eine Tänzerin wird etwa zehn Minuten mit einem ziemlich ausgeklügelten Computersystem aufgenommen und digitalisiert. Nach ihrer Vorführung geht sie in einen separaten Raum und tanzt sich noch etwa zehn Minuten aus. Parallel zu ihrem Austanzen wird auf einer Leinwand ein Computerbild produziert, was die typischen Bewegungsmuster dieser Tänzerin auf eine Leinwand aufzeigt. Und jetzt werden wir fast ohnmächtig, wenn wir uns das angucken, weil wir immer über das Thema „Was ist freier Wille“ diskutieren: Die Tänzerin und das Computerbild sind fast identisch. Das heißt, man könnte fast sagen, es seien Zwillinge im Raum, die nebeneinander her tanzen, ohne, dass sie die Parts für die nächsten Minuten miteinander abgesprochen haben. Sind Beispiele, die in diesem Labor entwickelt, bearbeitet und auch wissenschaftlich betreut werden. Eine Berliner Hochschule ist damit beschäftigt, diese Prozesse auch auszuwerten. Und das ist eine ganz wunderbare Entwicklung made in Mecklenburg-Vorpommern.

Oliver Kramer: Wie können aus Ihrer Sicht diese FreiRäume in Zukunft genutzt werden?

Dr. Jan Hofmann: Zunächst glaube ich, sollte das Land, wie auch in den Leitlinien enthalten, einen Innovationsfonds schaffen, aus dem heraus für solche FreiRäume Finanzierung geschöpft werden kann. Dann geht es darum, die Fragen zu diskutieren, die nicht immer gleich ein kommerzielles Interesse oder die sofortige Verwertbarkeit haben, das heißt, auch die Möglichkeit, Fehler zu machen, auch mal einen Irrweg einzuschlagen, gehört einfach zu einer freien Kunst- und Kulturszene. Das ist alles enthalten. Und insofern sind die Leitlinien für mich insgesamt das Selbstverständnis der Kunst- und Kulturschaffenden im Jahre 2019/20.

Wenn Sie also in 50 Jahren wissen wollen, was die mecklenburg-vorpommerschen Bürgerinnen und Bürger und Künstler über sich selber zu diesem Thema gedacht haben, dann sollte man dann die Leitlinie lesen, weil sie tatsächlich mit ihren Handlungsempfehlungen und ihren Prüfaufträgen ein sehr komplexes Gebilde sind, von dem man wünschen kann, dass, wenn die alle realisiert sind, die dort stehen, wir ein solidarisches Miteinander aller Kunst- und Kulturakteure tatsächlich herstellen können.