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„Kairos“ erhält Uwe-Johnson-Preis

Jenny Erpenbeck: "Kairos", Penguin Verlag, 2021, ISBN: 978-3328600855

Der Uwe-Johnson-Preis geht in diesem Jahr an Jenny Erpenbeck. Die Schriftstellerin erhält die Auszeichnung für ihren Roman „Kairos“. Die Jury wählte sie aus einer Vielzahl an eingesandten Texten aus den Bereichen Prosa und Essayistik aus. 

In „Kairos“ geht es um die Geschichte von Katharina, 19, und Hans, einem verheirateten Mann Mitte 50. Beide begegnen sich Ende der 80er-Jahre in Ostberlin. Vor dem Hintergrund der untergehenden DDR und des Umbruchs nach 1989 blickt Jenny Erpenbeck in Abgründe des Glücks zwischen Wahrheit und Lüge, Obsession und Gewalt, Hass und Hoffnung. 

Gedächtnis und Erinnerung – beides seien sehr zentrale Achsen in den Werken von Jenny Erpenbeck, unterstreicht die Jury. „Was die Autorin in ihren Texten zum Problem der Erinnerung markiert, das kommt durchaus der Überlegung von Uwe Johnson nahe, der schon früh danach gefragt hat, was ›von einem Menschen übrig (bleibt) im Gedächtnis seiner Umgebung‹.“ 

Diese Johnson-Frage führe nunmehr an den Kern des Romans „Kairos“, der aus der Erzählgegenwart zurück ins DDR-Jahr 1986 reist. „Über das Erinnern entsteht eine Art Prosanetz, in dem die Geschichte einer großen Liebe zwischen Euphorie, Enttäuschung und zunehmendem psychologischen Druck erzählt wird. Jenny Erpenbeck gelingt eine nahtlose Verbindung von Privatem und Öffentlichem, die zur Folie für einen Roman wird, der sowohl die Ideale des Beginns in den Blick bekommt, wie auch das Scheitern jenes Staates, den Uwe Johnson einmal als ,wünschenswert' bezeichnet hat. Unmerklich und literarisch faszinierend werden dabei Ankerpunkte gesetzt, die Hinweise auf das geben, was man kulturelles Gedächtnis nennt: Zitate aus Liedern, Gedichten, Theaterstücken, philosophischen Schriften, Losungen oder Wandzeitungsüberschriften. Die Veränderungen in der Liebe sowie die zunehmende Bedeutung der unterschiedlichen Erfahrungen innerhalb des sich wandelnden gesellschaftlichen Systems erkundet die Autorin mit einer Sensibilität, die in der Tradition des Schreibens von Uwe Johnson steht“, begründet die Jury ihre Entscheidung. 

Der mit 20.000 Euro dotierte Literaturpreis wird von der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft e.V. gemeinsam mit dem Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg KdöR und der Berliner Kanzlei „Gentz und Partner" alle zwei Jahre verliehen und im Wechsel mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis vergeben. Der Preis würdigt herausragende literarische Werke, in denen sich Bezugspunkte zur Poetik Uwe Johnsons finden und deren Blickwinkel auf deutsche Geschichte, Gegenwart und Zukunft gerichtet ist. Erstmals verliehen wurde er 1994. Zu den Preisträgern gehören unter anderen Walter Kempowski, Jürgen Becker, Uwe Tellkamp, Christa Wolf, Christoph Hein, Lutz Seiler und Irina Liebmann.

Die Preisverleihung erfolgt am 23. September in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern in Berlin.