Annalise-Wagner-Preis für Helene Bukowski
Helene Bukowski hat am Samstag in Neustrelitz den 35. Annalise-Wagner-Preis erhalten. Ausgezeichnet wurde die Berliner Schriftstellerin für ihren Roman „Wer möchte nicht im Leben bleiben”.
Helene Bukowski, geboren 1993, studierte am Literaturinstitut Hildesheim. 2019 erschien ihr Debütroman „Milchzähne”, der für das Kino adaptiert wurde. 2022 folgte „Die Kriegerin”. Ihre Bücher sind in mehrere Sprachen übersetzt worden.
Der für den Annalise-Wagner-Preis notwendige Regionalbezug des Romans „Wer möchte nicht im Leben bleiben” stellt sich her über die Städte Neustrelitz und Neubrandenburg, die als dokumentierte Lebensorte einer jungen Pianistin zugleich literarische Orte des Romans sind.
Worum geht's in „Wer möchte nicht im Leben bleiben”?
Christina, 1961 in Leipzig geboren, zieht im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern in das Scheibenhochhaus am Neubrandenburger Karl-Marx-Platz ein. 1985, mit 24 Jahren, wird sie sich hier aus dem Fenster stürzen und das Leben nehmen. Dazwischen lebt sie ein intensives Leben als talentierte Pianistin, zieht 1972 nach Berlin in ein Musikinternat (die „Spezi“ genannte Spezialschule für Musik) und studiert von 1978 bis 1984 am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium, genießt dort erstmals Freiheit und Internationalität.
Bei ihrer Rückkehr nach Berlin wird die junge feinfühlige Frau erleben, wie sie in der Endphase der DDR unter die Räder der „parteilich-sozialistischen Ausdeutung der Musik“ zu geraten und ihre Kreativität zu ersticken droht. Statt nach eigenem musikalischen Ausdruck suchen zu dürfen, wird ihr ein mechanischer Stil oktroyiert, der ihr die Lust am Leben und an der Musik nimmt.
Eine heute bekannte prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS) führt die Autorin zusätzlich als mögliche Quelle depressiver Schübe bei Christina an. Als Musiker überträgt der Vater zudem seine Ambitionen auf die Tochter; er dokumentiert ausführlich ein Leben, das ihm versagt bleibt.
79 Texte wurden eingereicht
Der Jury des Annalise-Wagner-Preises lagen 79 Texte vor. Die Bewerbungen bildeten ein vielfarbiges, spannendes Mosaik aus 45 belletristischen Werken, 23 populärwissenschaftlichen oder wissenschaftlichen Sachtexten und 11 Texten der Kinder- und Jugendliteratur. Darunter waren 24 Manuskripte. 42 Bewerbungen bzw. Vorschläge kamen aus dem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern und 37 aus anderen Bundesländern bzw. Ländern. Einstimmig beschlossen Jury und Kuratorium, den mit 2.500 Euro dotierten 35. Annalise-Wagner-Preis an Helene Bukowski zu vergeben.
Aus der Begründung der Jury
„Ein Nachlass. Fotos, Notizbücher, Kassetten, Briefe. Erinnerungen an eine junge Pianistin, die im Roman von Helene Bukowski Christina genannt wird. Von Siglinde, einer Freundin der Großmutter in Neubrandenburg, sind sie zur Autorin gelangt. „Ich fand sie in der Stadt, in der meine Mutter groß geworden ist, und einer, den ich da mal liebte,“ schreibt die Autorin in einem Post auf Instagram. Helene Bukowski nähert sich in ihrem dritten Roman auf innovative Weise der Biografie einer realen Person an. Ein Menschenschicksal, voller Empathie und persönlicher Anteilnahme erzählt. (…)
Helene Bukowski ist ein Buch geglückt, das versucht, den Tod zu verstehen, aber vielmehr ein kurzes Leben feiert. Dennoch bleiben Rätsel und offene Enden. Wie das Hochhaus in der Mitte Neubrandenburgs, das gerade Platte für Platte verschwindet.
Im Sinne der Preisstifterin Annalise Wagner wird hier und jetzt ein Text von hoher Qualität ausgezeichnet, der, regional verortet und hervorragend recherchiert, Biografie und Geschichte am kurzen Leben einer Frau beschreibt und damit auch Wagners Wirken fortschreibt.“
40. Todestag der Heimatforscherin Annalise Wagner
Anlässlich des 40. Todestages der Heimatforscherin Annalise Wagner ist der gleichnamige Preis am Samstag im Kulturquartier in Neustrelitz überreicht worden. Preisträgerin: Helene Bukowski.
