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13.12.2018

Von Tür zu Tür

13.12.2018

Wer kennt sie nicht, die bunt verzierten Haustüren vom Darß? Ein Bürgermeister und sein Mut zur Farbe bescherten der Halbinsel ein Markenzeichen, das jetzt zusammen mit den Zeesbooten in der Boddenlandschaft zum immateriellen Kulturerbe gehört.

Von oben betrachtet gleicht der Weg einem Fingerzeig. Waldstraße. Buchenstraße. Schäfer-Ast-Weg. Stückweg. Hohe Straße. Lange Straße. Strandstraße. Waldstraße. Am Boden der Tatsachen lotst er Touristen in Prerow von Tür zu Tür. 6,3 Kilometer weit. Auf dem „Haustürenpfad“ entlang. Mitten hinein in den unverwechselbaren Charakter des Darß.

Die Geschichte, die die Türen erzählen, beginnt vor gut 200 Jahren und ist eng mit der Entwicklung der Seefahrt und des Schiffbaus verbunden. Die Wirtschaft boomte. Mehr und mehr Menschen ließen sich auf der Halbinsel nieder. Die Dörfer vergrößerten sich. Der Wohlstand wuchs. Mit den neuen Häusern wandelten sich die Gebäudeformen. Weg vom Niederdeutschen Hallenhaus mit ihrem großen Tor an der Schmalseite hin zu Kapitäns-, Fischer- und Bauernhäusern, deren Fassade die Tür in den Mittelpunkt rückte. Reichlich verziert. Gestrichen in einer Farbe. Meistens rotbraun. Grün. Grau. Farbe, die vom Bootsanstrich eben noch übrig war. Im Vergleich zu heute fristeten sie jedoch ein unbeachtetes Dasein.

Aber bitte mit Farbe!

Etwas Besonderes wurden sie erst in den 1930er-Jahren. Als die Blütezeit der Schifffahrt längst vergangen war und niemand mehr an den alten Eingängen hing, beauftragte Bürgermeister Heinrich Bierbaum die örtliche Tischlerei Roloff, eine Tür für das neue Gemeindehaus zu bauen. So wie früher. Mit vielen Schnitzereien. Und dem Zusatz: Bunt soll sie werden! Ein Neuanfang für eine alte Tradition, dem mehr und mehr Hausbesitzer folgten. Heute prägen mehr als 100 liebevoll gestaltete Haustüren die Orte Prerow, Born und Wieck. Die meisten von ihnen sind Nachbauten. Nur etwas mehr als eine Handvoll stammt aus der Zeit von 1790 bis 1850, der sogenannten klassizistischen Phase.

Rauten fürs Glück

Die Schmiede der Darßer Türen gibt es noch immer. Die Tür des Bürgermeisters auch. Heute führt sie ins Haus der Kurverwaltung. Dem Ausgangspunkt für den Haustürenpfad. Viele der traditionellen Schmuckelemente wurden von Seefahrern, dem Aberglauben oder der Antike geprägt: Die Sonne half den Seeleuten, sich auf hoher See zu orientieren. Der Lebensbaum gilt als Sinnbild der Lebenskraft. Pfeilspitzen sollen Unheil abwehren, Rauten Glück bringen.

Jetzt haben die Türen, die die Tischlerei Roloff auch heute noch, in sechster Generation, nach traditionellem Kunsthandwerk fertigt, Eingang ins Kulturerbe gefunden. Zusammen mit den Zeesbooten. Und 16 weiteren Kulturformen. „Die Neueinträge in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes zeigen den kulturellen Reichtum in Deutschland. Sie machen deutlich, wie viele Menschen jeden Tag kreativ tätig sind, ihr Wissen und Können fortentwickeln und weitergeben“, sagt Helmut Holter, Präsident der Kultusministerkonferenz.

Kulturerbe im Kleinformat

Eine Tradition, die Gäste immer wieder neugierig über Zäune spähen lässt. Kein anderes Motiv auf dem Darß wird so oft fotografiert wie die Türen. Und keines so sehr vermarktet. Postkarten. Poster. Leinwände. Inzwischen lassen sich Urlaubserinnerungen auch als „Miniatüren“ mit nach Hause nehmen. Im Kleinformat. Bunt verziert. Oder zum Selbstbemalen. Manch einem Urlauber reicht das als Souvenir jedoch nicht aus – und er fährt nicht nach Hause, ohne in der Roloff‘schen Werkstatt ein Original in Auftrag gegeben zu haben.

Am Rande: 5 aus 97

Das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes zeigt beispielhaft, welche kulturellen Traditionen und Ausdrucksformen in Deutschland praktiziert und weitergegeben werden. Derzeit enthält es 97 Einträge – fünf davon aus Mecklenburg-Vorpommern: die Darßer Türen, die Zeesboote, das Reetdachdecker-Handwerk, das Malchower Volksfest, das Barther Kinderfest und das Darßer Tonnenabschlagen. Auch das Niederdeutsche Theater, das in MV mit der Fritz-Reuter-Bühne als professionelles Ensemble vertreten ist, steht auf der Liste. Bewerben um eine Aufnahme kann sich jeder, der in Gemeinschaft oder als Einzelperson Bräuche, Ausdrucksformen oder Fertigkeiten ausübt, die den Kriterien des Verzeichnisses entsprechen. Jedes Bundesland kann bis zu vier Bewerbungen an die Kultusministerkonferenz weiterleiten. Diese entscheidet gemeinsam mit der Bundeskulturministerin und Empfehlung einer Expertenkommission der Unesco, wer es auf die Liste schafft.