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Tickende Zeitzeugen

Zwei Jahre, drei Monate, 430 Kirchen: Hans-Joachim Dikow
Uhr in der Kirche Cammin: Ein Uhrwerk ist doch eine etwas kompliziertere Angelegenheit.
Uhr in Dargun: Manche wussten gar nicht, dass sie eine Kirchturmuhr haben.
Uhr in Parchim: Ein solches Räderwerk setzt gewissen Reichtum voraus.

Der Zahn der Zeit nagt auch an Uhren. Das weiß niemand besser als Uhrmacher Hans-Joachim Dikow. Der Schweriner, der sich selbst „Klockenschauster“ nennt, ist in den zurückliegenden Jahren zusammen mit dem Fotografen Herbert Weisrock auf hunderte Kirchtürme gestiegen und hat den Zustand der Turmuhren dokumentiert.

Kirchturmuhren in Not

Denn ohne den zu kennen, kann man ihn auch nicht ändern – so Dikows Ansatz zu einem in Deutschland einmaligen Projekt. Dessen Ergebnisse sind auch in eine Wanderausstellung eingeflossen, die aktuell in die Wismarer Nikolaikirche gezogen ist. Noch bis zum 16. April sind die Tafeln und Fotos zu den „Kirchturmuhren in Not“ dort zu sehen.

Dieser Titel nimmt auch schon den Befund von Dikows und Weisrocks Dokumentation vorweg. Von den 227 Kirchturmuhren Mecklenburgs sind 59 mechanische und 63 elektrische in Betrieb. 105 jedoch stehen still – es sind die Sorgenkinder, denen sich Dikow in seinem 2011 aus der Taufe gehobenen Projekt „Kirchturmuhren in Not“ widmet.

Die 2017 abgeschlossene Dokumentation soll dazu dienen, den Aufwand für eine Restaurierung abschätzen zu können. „Denn Ziel ist es natürlich, die Uhren wieder in Gang zu setzen oder wenigstens zu konservieren“, sagt der Uhrmacher.

Ziel: Wieder in Gang kommen

Genau hier lag auch der Anstoß für das Projekt. Als der Schweriner Uhrenseminare für interessierte Laien und Sammler anbot, erhielt er einen Anruf aus dem Landkreis Parchim: Er komme, so der Anrufer, mit dem Wunsch zum Seminar, mit dem dort erworbenen Wissen die Kirchturmuhr seines Heimatdorfes zu reparieren.

Auch wenn Dikow als Fachmann diesen Eifer bremsen musste – „ein Uhrwerk ist doch eine etwas kompliziertere Angelegenheit“ – ließ ihm das Thema fortan keine Ruhe. Er machte einen Besuch beim damaligen Kirchenbaurat Karl-Heinz Schwarz, der ihn mit offenen Armen empfing.

Denn zu diesem Zeitpunkt wusste niemand genau, wie viele Uhren sich in welchem Zustand unter Mecklenburgs Kirchendächern befanden. Dank einer Förderung durch die Stiftung kirchliches Bauen in Mecklenburg konnten Dikow und Weisrock 2014 mit der Erfassung beginnen.

Kompliziertes Räderwerk

Mehr als 600 evangelische Kirchen stehen in Mecklenburg – von der repräsentativen Stadtkirche bis zur kleinen Kapelle. Nicht alle haben eine Uhr – setzte doch ein solches Räderwerk immer auch einen gewissen Reichtum voraus.

Und manche haben eine Uhr und wissen gar nichts davon: Einige Male machte Hans-Joachim Dikow die Erfahrung, dass Küster und Pastoren ins Staunen gerieten, wenn auch ihre Kirche auf der Karte der erfassten Uhren erschien.

Zwei Jahre, drei Monate, 430 Kirchen

„In einer Dorfkirche bei Rostock zum Beispiel war irgendwann bei einer Renovierung des Turms das Ziffernblatt entfernt worden. Bei unserem Besuch entdeckten wir im Turm die Uhrenkammer mit den Resten der Mechanik“, erzählt der Klockenschauster von Sternstunden der Recherche, bei der die beiden Männer in zwei Jahren und drei Monaten 430 Kirchen besuchten.

Das bedeutete in erster Linie viel Fahrerei, viel Staub und viele Kraxeleien über teils morsche Leitern und Stufen. „Wir sind in Dörfer gefahren, von denen hätte ich nie gedacht, dass ich da mal hinkomme“, lacht Dikow.

Begeistert erzählt er von spannenden Begegnungen – zum Beispiel mit einem Küster in der Rostocker Marienkirche, der auf verschiedenen Ebenen des Turms aus Fundstücken ein regelrechtes Museum zusammengetragen hatte.

Und welche Kirche birgt nun die wertvollste Uhr? „Das kann ich gar nicht sagen, für mich ist jede ein Schatz“, sagt Dikow. „Die Kirchturmuhren sind jahrhundertealte Kulturgüter unseres Landes.“

Was die Stunde geschlagen hat

Nach den Kirchturmuhren „tickte“ das Leben in der Gemeinde. Die ersten dieser Uhren entstanden in Europa zu Beginn des 14. Jahrhunderts.

Es waren so genannte Schlaguhren, die über kein nach außen sichtbares Ziffernblatt verfügten, sondern mittels einer Glocke verkündeten, was „die Stunde geschlagen hatte“.

Auf die Schlaguhren folgten Einzeigeruhren, die, wie der Name schon sagt, einen Zeiger für die Stundenanzeige hatten. Später wurde die Mechanik ausgefeilter – mit den verschiedensten Komplikationen.

Hinter diesem Wort verbergen sich im Falle eines mechanischen Uhrwerks Zusatzfunktionen wie ein Viertel- und Halbstundenschlag. „Das macht das Uhrwerk natürlich auch anfälliger“, sagt Dikow. Je mehr Komplikationen, umso mehr Komplikationen also.

Wanderausstellung wirbt um Hilfe

Mit der aktuellen Wanderausstellung, unterstützt von der Wemag, will Dikow weitere Helfer für sein Projekt gewinnen. Er ist dankbar, dass sich in den zurückliegenden Jahren schon viele – von Privatpersonen bis Institutionen – für Kirchturmuhren in Not engagierten. Dikow jedenfalls will den tickenden Zeitzeugen weiter Zeit widmen. Katja Haescher

Text: Katja Haescher