01.04.2018

Ohne Klappern geht es nicht

Ein Arbeiter arbeitet an der Halterung des Wasserrads.
Ein Arbeiter montiert das neue Wasserrad.
Mühlenbauer Martin Zecher steht im Wasser. Hinter ihm: die Konstruktion, die das Wasserrad hält.
Das alte Wasserrad wird abtransportiert.

Die hat doch ein Rad ab. Das sieht man. Der fehlt doch was. In der Tat stand die Schweriner Schleifmühle kurz vor Frühlingsbeginn ein paar Tage ziemlich nackig da. Mühlenbauer Martin Zecher und sein Kompagnon Frederik Besier hatten ihr das alte Wasserrad weggenommen.

Was einer Wassermühle natürlich nicht gut zu Gesicht steht. „Es fiel uns zwar nicht leicht, das 18 Jahre alte Rad abzumontieren“, gesteht Martin Zecher. „Doch der Wechsel aus Sonne und Wind, Kälte und Schatten hatten ihm dermaßen zugesetzt, das es diese Saison wohl nicht überlebt hätte.“

Schweriner Schleifmühle erlebt mit neuem Wasserrad zweiten Frühling

Gekonnt schnitt Martin Zecher das vier Meter sechzehn breite Wasserrad mit einer Kettensäge in zwei Hälften. Woraufhin ein Kran die beiden Teile nacheinander vorsichtig in den Himmel hob und sie in den Schleifmühlengarten schweben ließ. Dort blieb denn auch die eine Hälfte für Jedermann zum Angucken und Anfassen liegen. Die andere ging komplett zerlegt an Liebhaber alter Hölzer.

Kaum war das alte Rad ab, machte sich Martin Zecher daran, das neue anzubauen. Die benötigten Teilstücke hatte er vorab in seiner Werkstatt in Harst bei Wittenburg angefertigt - Schaufeln aus Lärchenholz, Speichen und Felge aus Eiche. Das Hämmern der Männer beim Zusammensetzen der Elemente drang zwei Wochen durch den Schlossgarten. Kein leichtes Unterfangen, zumal die beiden eiskalte Tage erwischt hatten und kaum ihre tauben Finger spürten.

Wenige Mühlen drehen sich noch 

So manches mal sehnte sich Martin Zecher den Frühling herbei. Warme Tage, an denen er im Shirt auf eine Mühle klettert und die Aussicht genießt. Der 47-Jährige ist schon auf viele technische Denkmäler gestiegen, anfangs noch mit seinem Vater, der ihm das nötige Rüstzeug verpasste. Natürlich gibt es in Mecklenburg-Vorpommern heute nicht mehr viele Mühlen - früher waren es Tausende - dennoch muss Martin Zecher den Aufträgen nicht hinterher laufen. In ganz Deutschland ist sein Wissen und Können gefragt und auch in Dänemark heißt man den Mann mit der gelassenen und freundlichen Art willkommen.

Obwohl sich Martin Zecher beinahe jeden Tag in guter Mühlengesellschaft befindet, gibt es für ihn doch so etwas wie Lieblingsprojekte. Wozu definitiv die Schleifmühle in Schwerin gehört. Das liegt nicht nur an der spannenden Geschichte der Mühle und dem romantischen Areal samt Mühlencafé, es ist vor allem das Vereinsleben, das ganz nach seinem Geschmack ist. Ein Haufen engagierter und interessierter Ehrenamtlicher zelebriert auf diesem Gelände ein fröhliches Miteinander und beschert Martin Zecher stets ein angenehmes Arbeitsklima.

Tonnenschwere Granitfindlinge zu dekorativen Steinsachen

Außerdem war der Mühlenbauer schon dabei, als das „Technische Museum Schleifmühle“ 1985 seine Türen öffnete. Seitdem wirft er in regelmäßigen Abständen nicht nur von außen einen Blick auf die Mühle, er inspiziert auch ihr Innenleben. Hier rumort es in der schönen Jahreszeit gleich mehrmals am Tag. Gezeigt wird, wie die Steinschleifer zu herzoglichen Zeiten ihrer Arbeit nachgingen. Tonnenschwere Granitfindlinge wurden in der Schleifmühle zu dekorativen Steinsachen wie Taufbecken, Fenstersimse, Tischplatten, Kaminverkleidungen, Sarkophage und Denkmalsockel zugeschnitten. Zeitweise war die Mühle die führende Granitschleife im Deutschen Reich. Beim großen Schweriner Schlossumbau von 1845 bis 1857 produzierte sie dann ausschließlich hierfür dringend benötigtes Material.

Was muss das Wasserrad in dieser Zeit geächzt und geknarrt haben. Tag für Tag, Stunde um Stunde. Dieses Spektakel ist für Besucher auch heute noch erlebbar, wenn auch nur einige Augenblicke. Sobald jemand das Wehr öffnet, strömt das Wasser aus dem angrenzenden Faulen See in den Mühlengraben. 500 Liter Wasser pro Sekunde drücken auf die Schaufeln des nagelneuen Wasserrads und lassen es fröhlich vor sich hinklappern. Die mehr als dreihundert Jahre alte Mühle erwacht daraufhin zum Leben. Ein Anblick, der bei so manchem Schaulustigen für leichte Gänsehaut sorgt. 

Saisoneröffnung: Ab Ostern öffnet die Schleifmühle Schwerin wieder ihre Türen. Von da an ist sie täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Text: Anja Bölck