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01.05.2020

Der Koloss vom Peenestrom

Einst war die Hubbrücke von Karnin ein spektakuläres Bauwerk. Auf rund 350 Metern reichte sie Usedom ihren Stahlarm. Verband Festland mit Insel, Kamp mit Karnin. Heute sind von ihr nur noch Fragmente übrig: vier 35 Meter hohe Türme und das Hubteil. Sie ragen mitten aus dem Peenestrom und sehen nicht weniger spektakulär aus.

Ihr Stahl trotzt seit Jahrzehnten Wind und Wetter und erinnert an eine Zeit, in der es möglich war, in gut zwei Stunden mit dem Zug von Berlin nach Usedom zu düsen. Bis das nahende Kriegsende diesen Fortschritt wieder ausbremste.

Die Geschichte der einst modernsten Eisenbahnhubbrücke Europas beginnt 1932. Die Weichen dafür werden aber schon im Frühjahr 1872 gestellt: mit dem Beschluss, die Bahnlinie Ducherow-Swinemünde zu bauen. Der Weg führt ab 1876 erst über eine Drehbrücke, später auch noch über eine zweite. Die Anzahl der Züge nimmt zu, die Schwere der Lasten ebenfalls. Auch das macht eine neue Brücke erforderlich.

Zug um Zug auf die Insel

Die Entscheidung fällt auf eine Hubbrücke, die wie ein Fahrstuhl auf- und abfährt, um wahlweise Schiffen oder Zügen den Weg frei zu machen. Die Bauarbeiten starten im Frühjahr 1932. Rund anderthalb Jahre später rattern die Züge darüber. Nach weiteren Bauarbeiten sogar zweigleisig mit 100 Stundenkilometern.

Das erhöht den Reisekomfort enorm und rückt Usedom als Urlaubsziel noch dichter an Berlin heran. Täglich fahren mehr als 20 Züge über die Brücke. Sie bringen Touristen in die Seebäder. Und militärische Fracht zur Heeresversuchsanstalt Peenemünde und Marinebasis in Swinemünde.

Am 29. April 1945, um die Mittagszeit, sind die Tage des technischen Meisterwerks gezählt. Binnen weniger Minuten fallen die Brückenbauten links und rechts neben der Hubbrücke krachend in sich zusammen. Die Verbindung zwischen Festland und Insel ist gekappt.

Ausgelöst wird die Sprengung von Soldaten der Wehrmacht. Sie erhoffen sich davon einen Vorsprung. Und wollen der heranrückenden Roten Armee das Übersetzen auf die Insel erschweren. Nur der mittlere Teil der Karniner Brücke bleibt stehen, ragt bis heute als Stahlskelett aus dem Wasser. Seit 1990 steht es unter Denkmalschutz.

Freie Fahrt für neue Planungen

Wenn es nach dem Aktionsbündnis „Karniner Brücke“ geht, sollen die Tage der Brücke nicht auf ewig gezählt bleiben. Die Befürworter machen sich dafür stark, dass eines Tages Bahnen darüber wieder Richtung Ostsee fahren. Die Signale für die Vorplanungen stehen bereits auf Grün: Im Doppelhaushalt des Landes stehen für 2020 und 2021 insgesamt 2,8 Millionen Euro dafür bereit.

Ob die Ergebnisse dieser Grundlagenplanungen den für solche Fernverkehrsprojekte zuständigen Bund später überzeugen werden, das Projekt in den Bundesverkehrswegeplan aufzunehmen, steht noch in den Sternen. Die Hubbrücke jedenfalls ist geduldig. Sie wurde aus rostbeständigem Stahl gebaut.