300 Jahre alte Schiffswracks in der Ostsee

Ein großer Fernseher mit Filmaufnahmen eines Tauchgangs. Auf einem Tisch davor stehen eine alte Glocke und ein Laptop.
Mehrere Menschen stehen um einen Tisch herum. Auf dem Tisch liegen Kisten mit Fundstücken. Einige Menschen haben Kameras für Film und Foto in den Händen.

Zwei schwedische Schiffe sind im Jahr 1715 vor Rügen und Usedom im Eis gesunken. Deutsche und schwedische Archäologen identifizieren die „Postillion" und die „Cecilie" mit einer Glocke König Karls XII. an Bord. Ein Fund von europäischer Bedeutung.

Im Dezember des Jahres 1715 laufen die Fregatte „Postillion" und das bewaffnete Handelsschiff „Cecilie" auf Packeis auf. Tagelang liegen sie zwischen Rügen und Usedom. Es ist die letzte Phase des Großen Nordischen Krieges (1700-1721). Seit zwei Jahrzehnten ringen Schweden, Russland, Dänemark, Sachsen-Polen und Brandenburg-Preußen um die Vorherrschaft im Ostseeraum. Schwedisch-Pommern, ein exponierter Außenposten der schwedischen Krone auf deutschem Boden, steht unter Belagerung.

Zwischen militärischem Druck und der rohen Gewalt eines harten Winters bleibt keine Zeit, auch nur die wertvollste Ausrüstung aus den Schiffen zu bergen. Beide sinken. Über drei Jahrhunderte lang gerät der Untergang in Vergessenheit. 

Eine Kanone liegt in einer Kiste gefüllt mit Flüssigkeit.
Eine der Kanonen aus Bronze wurde aus dem Schiffswrack geborgen. Laut ihrer Aufschrift stammt sie damaligem polnischem Gebiet. Sie liegt in einem Salzbad, bevor sie weiter untersucht wird.
Sehr alte Schiffstaue, die kaum erkennbar sind.
Organisches Material wie Schiffstaue sind selten erhalten. Die Ostsee bietet weltweit dafür sehr gute Bedingungen. Sie ist nicht zu salzig, eine sauerstoffarme Umgebung und wenige Tierarten, die sich von organischem Material ernähren.

Zeitkapseln unter der Wasseroberfläche

„Mehr als 3.500 Schiffswracks liegen allein in der deutschen 12-Meilen-Zone", sagt Dr. Jens Auer vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern (LAKD) bei der Vorstellung des Fundes im Schweriner Depot. Wie stummen Zeitkapseln warten sie unter der Wasseroberfläche auf ihre Lesung. „Postillion" und „Cecilie" sind zwei von ihnen. Dr. Jens Auer betreut die beiden Wracks seit ihrer Entdeckung. Sie gehören zu den seltenen Fällen, in denen sich aus verstreuten Planken und Beschlägen tatsächlich eine Geschichte rekonstruieren lässt. 

Entdeckt wurden die beiden Wracks bei Bauarbeiten: die „Cecilie" im Jahr 2010, die „Postillion" im Jahr 2016. „Wir sichten solche Wracks unter Wasser und sichern sie", erklärt Dr. Jens Auer. Zunächst blieb es bei einer ersten Erfassung. Erst als in den Folgejahren Erosion die Fundplätze zunehmend gefährdete, begann eine systematischere Untersuchung in den Jahren 2024 und 2025. Es folgte ein jährliches Monitoring in Zusammenarbeit mit den Universitäten Rostock und Leiden. Dabei wurde die Schiffskonstruktion dokumentiert und einzelne, besonders gefährdete Objekte geborgen.

Eine alte Schiffsglocke steht auf einem Tisch.
Die alte Schiffsglocke ist mittlerweile konserviert. Sie trägt das Monogramm von König Karl XII. Dank ihres Fundes konnte das Schiff als „Postillion" identifiziert werden.
Eine Glocke auf dem Meeresgrund. Sie ist bewachsen mit Algen.
Die Schiffsglocke wurde auf einem der Tauchgänge gehoben. Tauchgänge bilden nur etwa fünf Prozent der archäologischen Arbeit. Heutige Technik vereinfacht die Vermessung des Schiffswracks und die weitere Untersuchung an Land.

Bronzekanone bedeutendster Fund

Die zweifelsfreie Identifizierung der beiden Schiffe gelang im Dezember 2025 und legte den Grund für ein größeres, internationales Tauchprojekt im Juni 2026. Die Federführung hatte das LAKD, gemeinsam mit dem schwedischen Vrak Museum aus Stockholm, der Universität Rostock, dem Stavanger Maritime Museum aus Norwegen und der Universität Warschau. 

Zu den bedeutendsten Funden zählt eine gut 400 Kilogramm schwere Bronzekanone. Bronze war im 18. Jahrhundert ein kostbarer Rohstoff. Kanonen aus diesem Material wurden nach Schiffsuntergängen so gut wie immer geborgen, weil ihr Materialwert zu hoch war, um sie dem Meer zu überlassen. Dass die Kanone der „Postillion" an Bord blieb, lässt sich nur mit den chaotischen Kriegsumständen in Schwedisch-Pommern erklären: In der Bedrängnis des Jahres 1715 fehlte offenbar die Kapazität für eine Bergung. 

Eine Glocke mit königlichem Monogramm

Den entscheidenden Hinweis auf die Identität der Postillion lieferte die Schiffsglocke. Sie trägt das Monogramm Karls XII., des schwedischen Königs, dessen Name mit dem Großen Nordischen Krieg verbunden ist. Das eindeutige Zeichen holt den Fund aus der Anonymität des Meeresgrunds in die dokumentierte Geschichte.

Ein Mann zeigt auf einen alten, zerbeulten Kupferkessel.
Dr. Jens Auer zeigt den langsamen Zerfall des Kupferkessels. Der Kessel stammt aus der Kombüse des Schiffs. Von hier aus wurden etwa 110 Mann Besatzung verpflegt.
Ein alter Kessel am Meeresboden zwischen Steinen und Algen.
Der Kupferkessel wurde ebenfalls aus der Ostsee geborgen. Sein Zerfall war soweit fortgeschritten, dass eine Sicherung unter Wasser nicht ausreichend geholfen hätte.

Momentaufnahme des Bordalltags

Die „Postillion" und die „Cecilie" bleiben in der Ostsee. „Sie sind am besten unter Wasser aufgehoben, wo wir sie sichern. Eine Bergung kostet Geld, beschleunigt den Zerfall und ist mit viel Aufwand verbunden", erklärt Jens Auer. Jede Bergung, so die Fachleute übereinstimmend, zerstört den Fundplatz zumindest teilweise: ein Verlust an Kontext, der sich nicht rückgängig machen lässt. Die geborgenen Ausrüstungsgegenstände dienen der wissenschaftlichen Auswertung im LAKD, während die Rümpfe selbst am Grund der Ostsee verbleiben.

Für die Zukunft ist eine vertiefte archäologische und historische Erforschung beider Schiffe in Zusammenarbeit mit dem Vrak-Museum geplant. Ziel ist ein genaueres Bild der schwedischen Marineeinheiten, ihrer Ausrüstung und der Menschen an Bord zu bekommen. Was die „Postillion" und die „Cecilie" einzigartig macht, ist, dass sie so plötzlich sanken, dass praktisch ihr gesamtes Inventar an Bord blieb. Das macht sie zu ungewöhnlich vollständigen Momentaufnahmen: Schiffbautechnik und Ressourcenmanagement der schwedischen Marine des frühen 18. Jahrhunderts lassen sich hier ebenso ablesen wie der Alltag der Seeleute, die an Bord lebten, kurz bevor das Eis der Ostsee ihre Reise beendete.

Gemeinsames Weltkulturerbe bewahren

Bei der Präsentation der Funde in Schwerin würdigte Wissenschaftsministerin Bettina Martin ausdrücklich die Zusammenarbeit mit den schwedischen, norwegischen und polnischen Partnern: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des LAKD sind die Bewahrer des kulturellen Erbes in Mecklenburg-Vorpommern. Das gemeinsame Projekt mit Schweden zeigt, dass die Geschichte unseres Landes nur im europäischen Kontext zu sehen ist."

Bettina Martin wies auf ein rechtliches Defizit hin: Deutschland hat die UNESCO-Konvention zum Schutz des Unterwasser-Kulturerbes bis heute nicht ratifiziert. Sie sagt: „Nur mit dem Beitritt Deutschlands zu dieser Konvention können wir auch künftig in internationaler Zusammenarbeit das Kulturerbe unter Wasser bewahren und erforschen und gleichzeitig vor Plünderung schützen. Momentan stoßen wir spätestens außerhalb der eigenen Hoheitsgewässer auf massive rechtliche Beschränkungen. Eine Ratifizierung der UNESCO-Konvention würde das beheben."

Mecklenburg-Vorpommern ist das einzige deutsche Bundesland mit einem hauptamtlichen Unterwasserarchäologen. Die Direktorin des LAKD, Dr. Ramona Dornbusch sagt dazu:Diese im LAKD verankerte Struktur erlaubt es, Fundplätze fachgerecht zu untersuchen, ihren Zustand langfristig zu beobachten und frühzeitig auf Gefährdungen zu reagieren."

Zwei längere Gegenstände. Sie sind unförmig und liegen auf Folie.
Auf dieser alten Muskete befinden sich viele Ablagerungen. Sie ist in zwei Teile zerbrochen. Die Spezialisten knobeln noch, wie sie die Ablagerungen abtragen können.