Gedenken am 9. November
In vielen Orten wird am 9. November an die Verfolgten des Nationalsozialismus gedacht und an die jüdischen Opfer der Reichspogromnacht erinnert. Hier der Überblick von LpB MV - und dazu unser Tipp: das Gedenkkonzert in Schwerin.
Gedenkveranstaltungen
Neubrandenburg
Im Gedenken an die Pogromnacht findet die Gedenkveranstaltung der Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg am Montag um 16 Uhr am Synagogenplatz in der Poststraße statt. Stadtpräsident Thomas Gesswein wird die Gedenkrede halten und gemeinsam mit Oberbürgermeister Nico Klose einen Kranz niederlegen. Das Begleitprogramm wird von Schülerinnen und Schülern des Lessinggymnasiums und Ausschnitten aus ihrem preisgekrönten Musical „Nie wieder. Jetzt.“ gestaltet. Weiter
Schwerin
Unter dem Titel „Schon vergessen?!“ findet am Montag um 18 Uhr auf dem Schweriner Schlachtermarkt eine öffentliche Mahn- und Gedenkstunde zum 88. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 statt. Der Arbeitskreis „9. November 1938“ lädt gemeinsam mit dem Landesrabbiner Yuriy Kadnykov und der Jüdischen Gemeinde Schwerin dazu ein, der Opfer nationalsozialistischer Gewalt zu gedenken und ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit zu setzen. Weiter
Schwerin
Bereits am Vormittag des 9. November findet ein Projekttag für rund 200 Schülerinnen und Schüler statt. Im Mittelpunkt steht dabei das jüdische Leben in Mecklenburg-Vorpommern. Damit verbindet der Arbeitskreis „9. November 1938“ das historische Gedenken mit der Auseinandersetzung über jüdische Gegenwart, Kultur und gesellschaftliche Vielfalt.
Rostock
Am Montag findet zwischen 17.45 und 18.15 Uhr der Klang der Denksteine an unterschiedlichen Denksteinen für die Rostocker Opfer der Shoah statt. An den Denksteinen in der Altschmiedestr. 26, Am Wendländer Schilde 10, Fischbank 10/11, der Kröpeliner Straße 83, Lange Straße 15, Neuer Markt 1 sowie Paulstraße 7 werden ab 17.45 Uhr kleine Konzerte gespielt. Um 18.15 Uhr wird gemeinsam an allen Standorten das jiddische Lied „Dos Kelbl“ gesungen. Weiter
Rostock
Am Dienstag, 10. November 2026, findet anlässlich des 88. Jahrestages um 9.30 Uhr eine Andacht auf den Jüdischen Friedhof im Lindenpark statt. Totengebete und Psalmen werden gesprochen. Danach folgt ein gemeinsamer Gang zur Gedenkstele am früheren Standort der Synagoge in der Augustenstraße, wo gegen 10 Uhr eine Gedenkveranstaltung stattfindet. Schülerinnen und Schüler des CJD Christopherus Gymnasiums werden die Namen der Rostocker Opfer der Shoah verlesen.
Wismar
Die Projektgruppe Stolpersteine lädt zu einem Rundgang zum Thema „Leben und Verfolgung der jüdischen Einwohner Wismars 1933 bis 1945“ ein. Datum: 9. November. Zeit: 14 Uhr. Treffpunkt ist das Rathaus. Weiter
Greifswald
Greifswalder Gedenken an den November-Pogrom 1938. Die Evangelische Studentengemeinde lädt um 13 Uhr zu einer Andacht in der Mühlenstraße, an der Gedenktafel des früheren Betsaales der kleinen Greifswalder jüdischen Gemeinde ein. Im Anschluss sollen Blumen an ausgewählten Stolpersteinen niedergelegt werden. Weiter
Stralsund
Am 9. November wird um 15 Uhr auf dem Jüdischen Friedhof an der Greifswalder Chaussee eine Gedenkstunde beginnen. Um 18 Uhr wird an der Stele am Johanniskloster an die Ermordung jüdischer Menschen erinnert werden. Danach führt ein Weg zu ausgewählten Stolpersteinen, vorbereitet durch Stralsunder Konfirmandinnen und Konfirmanden. Den Abschluss der Gedenkfeiern bildet ein musikalisches Gedenken in der Heilgeistkirche um 19 Uhr mit Liedern und Texten mit der Gruppe Querbeet. Weiter
Neustrelitz
Die Stadt Neustrelitz und die Kirchengemeinde Strelitzer Land laden am Montag um 17 Uhr zu einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung am Synagogengedenkstein am Alexanderplatz in Strelitz-Alt ein. Im Mittelpunkt steht die Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Novemberpogrome von 1938. Die Gedenkveranstaltung wird von Schülerinnen und Schülern des Gymnasium Carolinum mitgestaltet. Im Anschluss bietet das Kino in der Alten Kachelofenfabrik eine thematisch passende Filmvorführung an. Um 18:30 Uhr wird der Dokumentarfilm „Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf“ von Güner Yasemin Balci und Jesco Denzel gezeigt. Weiter
Mirow
Die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde und die Stadt Mirow laden am Montag um 12 Uhr zum gemeinsamen Erinnern und Gedenken an die Geschehnisse im Herbst 1938 in Mirow und zur Reinigung der Stolpersteine in der Schlossstraße 16/Ecke Mühlenstraße ein.
Güstrow
Montag, 9. November. Andacht zum Erinnern an die Reichspogromnacht 1938. Organisiert durch die Pfarr- und Domgemeinde zu Güstrow in Zusammenarbeit mit der Freien Schule Güstrow e.V. Wo? Jüdischer Friedhof, Neukruger Straße. Wann? 16 Uhr.
Bergen/Rügen
Gedenken an die Opfer der Novemberpogrome von 1938. Am Montag um 19 Uhr vor dem Rathaus in Bergen.
Feldberg
Das Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht findet am 9. November um 17 Uhr auf dem Jüdischen Friedhof in Feldberg statt. Weiter
Konzert
Verfemt – ein Wort, vier Schicksale. Zum Jahrestag der Novemberpogrome erinnert die Mecklenburgische Staatskapelle an geächtete, verfolgte und ermordete Komponist/innen: Franz Schreker stirbt bereits 1934 und gilt fortan als „entartet“. Kurt Weill flieht 1935 in die USA und vollendet unterwegs seine 2. Sinfonie. Viktor Ullmann wird 1942 deportiert und komponiert bis zu seiner Ermordung weiter. Henriëtte Bosmans ist die wichtigste Komponistin der Niederlande – bis sie 1940 mit einem Berufsverbot belegt wird. In diesem Konzert gibt es vier wundervolle Werke zu entdecken, die ohne das dunkle Kapitel deutscher Geschichte heute wohl deutlich bekannter wären.
2. Sinfoniekonzert am 9. November um 18 Uhr im Schweriner Theaterzelt. Infos/Tickets - hier
Programm
Franz Schreker – Ein Tanzspiel. 4 Stücke im alten Stil für Orchester
Kurt Weill – Sinfonie Nr. 2
Henriëtte Bosmans – Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2
Viktor Ullmann – Sinfonie Nr. 2
Hintergrund
9.11.1938: Die Reichspogromnacht
Im Herbst 1938 verschärfte die NS-Regierung ihr Vorgehen gegen die noch in Deutschland lebenden Juden erheblich. An die Stelle von Boykott und Schikane trat nun brutaler staatlicher Zwang und nackte Gewalt.
Die noch bestehenden jüdischen Geschäfte hatten sich als erstaunlich überlebensfähig erwiesen, so dass die Nationalsozialisten sich nun entschieden, mit größter Härte vorzugehen. Zum 30. September 1938 wurde auch den letzten sieben jüdischen Ärzten, die in Mecklenburg noch praktizieren durften, die Approbation entzogen. Am 28. Oktober schließlich deportierte die Polizei 37 Juden polnischer Staatsangehörigkeit aus Rostock nach Polen.
Als kurz darauf Herschel Grünspan, ein junger jüdischer Emigrant, in Paris ein Attentat auf den Legationssekretär Ernst von Rath verübte, ließ die regionale NS-Presse keinen Zweifel, was nun zu erwarten war. Am 8. November lauteten die Schlagzeilen auf der ersten Seite des »Niederdeutschen Beobachters«: »Das Maß nach dem Pariser Attentat voll – Langmut mit Juden zu Ende! […] Schärfste Maßnahmen gegen Juden im Reich notwendig«. Am folgenden Tag berichtete die Zeitung über »spontane Kundgebungen […] vor Synagogen und jüdischen Geschäften« in Kurhessen. Die Parteimitglieder wussten, wie sie solche Anregungen zu interpretieren hatten.
Am 9. November gegen 22:00 Uhr hielt Goebbels in München eine Rede, in der er die anwesenden Gauleiter und SA-Führer zur Zerstörung der Synagogen und jüdischen Geschäfte aufforderte. Dass daraufhin auch der mecklenburgische Gauleiter Friedrich Hildebrandt, der im Festsaal des alten Rathauses zusammen mit Reinhard Heydrich und anderen ranghohen NS-Führern saß, wie diese zum Telefonhörer griff und den Befehl an die zuständigen Gauamtsleiter in Schwerin weitergab, daran gibt es eigentlich keinen Zweifel. Trotzdem dauerte es in Mecklenburg länger als anderswo, bis die Partei aktiv wurde. Es war keineswegs so, dass die SA-Trupps schon überall in Bereitschaft lagen.
Während in Süd- und Westdeutschland schon kurz nach Mitternacht die Schläger ausrückten, um Feuer zu legen, zu plündern und zu zerstören, begann das Pogrom in Mecklenburg erst gegen 5 Uhr morgens. Zuerst – gegen 5:20 Uhr – brannte die Güstrower Synagoge. Zur gleichen Zeit gab die Staatspolizeistelle Schwerin Verhaltensmaßregeln an alle örtlichen Polizeidienststellen. Kurz nach 5:30 Uhr rief Kriminalassistent Dabbert von der Gestapo in Schwerin den Ludwigsluster Stadtrat Paul Hoffmann an und ordnete an, dass gegen Brände von Synagogen und Zerstörung von Wohnungen und Geschäften von Juden nicht einzuschreiten sei. Plünderungen und Misshandlungen sollten aber durch die Polizei verhindert werden. Wohlhabende Juden seien zu verhaften. Um 6 Uhr stand auch die Synagoge in Alt-Strelitz in Flammen. Zur gleichen Zeit drangen Männer in braunen Uniformen in die Synagoge in Teterow ein und verwandeln sie in einen »Trümmerhaufen«, in Neubrandenburg wurde das Konfektionsgeschäft Wolff verwüstet. Gegen 7 Uhr wurden in Waren die Geschäfte von Georg Baruch und Max Loewenberg demoliert. Auch in Schwerin fand die Zerstörung der Geschäfte und der Synagoge in den frühen Morgenstunden des 10. November statt. In den meisten mecklenburgischen Städten hatten die Vandalen ihr Werk bis Tagesanbruch vollendet.
Nur in Rostock, wo die Größe der jüdischen Gemeinde offenbar besondere Vorbereitung erfordert hatte, sah der Ablauf etwas anders aus. Die Zerstörungen begannen hier einige Stunden später. Gegen 8:30 Uhr stand die Synagoge in Flammen. Gegen 10 Uhr drangen etwa 50 »SS-Burschen« in das Haus des Rechtsanwalts Josephy ein, warfen die Möbel aus dem Fenster und zerschlugen die gesamte Inneneinrichtung. Während in den anderen Städten Mecklenburgs zumeist nur die Geschäfte verwüstet wurden, wurden in Rostock offenbar auch systematisch die Wohnungen heimgesucht. An mehr als 60 Orten in der Stadt wüteten die Schlägertrupps der SA hier bis in den Nachmittag des 10. November hinein. Weiter – hier
(aus: Bernd Kasten, Verfolgung und Deportation der Juden in Mecklenburg 1938-1945, Schwerin 2008)
