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Wie gedenken an den Herbst '89?

Der Landtag hat sich dafür ausgesprochen, dass bis zum 30. Jahrestag des Mauerfalls im Herbst 2019 ein Gedächtnisort für die friedliche Revolution errichtet werden soll. Ideen dafür sind jetzt in Schwerin entwickelt worden.

Dietlind Glüer erinnert sich vor allem an den Mut, den die Leute 1989 aufgebracht haben. 400 Menschen waren damals zu einem Treffen des Neuen Forums in Rostock gekommen. „Und jeder, wirklich jeder, der etwas sagen wollte, stand auf und nannte seinen vollen Namen.“ Keine Angst vor der Staatssicherheit, keine Angst vor Repressionen. „Dieser Mut war ansteckend.“

Dietlind Glüer war am Dienstag als Zeitzeugin eingeladen zum Kolloquium der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) und der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Das Thema lautete: „Erinnern an das Jahr 1989 in Mecklenburg-Vorpommern. Auf dem Weg zu einem Gedächtnisort.“

Gedenken an den Mut der Menschen, an „die Bereitschaft, den aufrechten Gang zu üben“, wie Bürgerrechtler Heiko Lietz sagte. Nur: Wie kann dieser Ort aussehen? Und wo soll er errichtet werden? Das Treffen im Schleswig-Holstein-Haus war der erste Schritt, um Vertreter von Vereinen und Verbänden, Städten und Gemeinden bei der Beantwortung dieser Fragen einzubeziehen. 50 Leute nahmen teil, darunter auch interessierte Bürger.

Herausgekommen sind Kernelemente, Kriterien für einen Gedächtnisort. Er sollte gut erreichbar sein und von historischer Relevanz, fasste die Landesbeauftragte Anne Drescher zusammen. Zudem müssten die räumlichen Bedingungen, das pädagogische Konzept und das digitale Angebot stimmen. In den Diskussionen wurde für einen zentralen Ort in Schwerin, Rostock oder Neubrandenburg geworben, aber auch für viele dezentrale Stätten an den vielen Orten von '89. Wichtig, da waren sich fast alle einig, sei ein einheitliches Symbol – eine Kerze etwa oder ein Spiegel als Zeichen der Reflexion.

Die Landeszentrale und die Landesbeauftragte sollen dem Landtag bis zum Sommer ein Konzept vorlegen. Danach werde dort über das weitere Vorgehen diskutiert und entschieden, so LpB-Direktor Jochen Schmidt. Ziel: ein Gedächtnisort zum 30. Jahrestag im Jahr 2019.

Die deutsche Einheit sei oft als Leistung mächtiger Politiker dargestellt worden und weniger als Ergebnis eines kollektiven Aufbegehrens gegen die Diktatur, sagte Markus Meckel von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. „Dabei haben doch erst die Freiheitsbestrebungen der Menschen das Tor zur Einheit geöffnet.“

Oder wie Dietlind Glüer am Dienstag sagte: „Wir hatten keine Rezepte, kein Programm, als wir '89 anfingen. Aber – es wurde ein Aufbruch. Die jungen Leute von heute sollten das erfahren.“

Hintergrund

Die NDR-Redakteure Siv Stippekohl und Thomas Balzer haben eine Zeitreise durch die Wendezeit gemacht. Herausgekommen sind Beiträge für Rundfunk und Fernsehen und ein Buch, ein „Atlas des Aufbruchs“. Hier ein Auszug, eine Erinnerung an den Herbst 1989 in Schwerin.

„Was folgt, ist eine in der DDR beispiellose Aktion der SED-Bezirksleitung Schwerin und ihres 1. Sekretärs Heinz Ziegner. Der blasse, abgehobene Apparatschik, so beschreiben ihn Schweriner SED-Kreisleitungsmitglieder später im NDR-Hörfunk, wittert  seine große Karrierechance. Egon Krenz hat Erich  Honecker am 18. Oktober an der Spitze der SED verdrängt. Der hat den Dialog mit dem Volk ausgerufen und die Wende beschworen. Heinz Ziegner fühlt sich bemüßigt, die Demonstration des Neuen Forums zu  kapern, um damit die Meinungshoheit auf der Straße zu gewinnen. Er will am 23. Oktober zur gleichen Zeit am gleichen Ort wie das Neue Forum eine Kundgebung abhalten.” (weiter)