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Von einer, die auszog, das Schauspielern zu lernen

Es ist ein heißer Sommer. Nike, die schlagfertige Altenpflegerin, verbringt die lauen Nächte mit ihrer Freundin auf dem Balkon. Sie trinken, lachen und sind einfach fröhlich. Bis Truckerfahrer Ronald in ihr Leben purzelt. „Sommer vom Balkon“ heißt der melancholisch-heitere Alltagssteifen von Regisseur Andreas Dresen, der 2006 knapp eine Million Menschen in die Kinos lockt. Nadja Uhl, die die Nike spielt, verzaubert sie. Wer ist diese hübsche Frau mit den blonden Haaren und blassblauen Augen? Heute, zehn Jahre später, wüsste wohl jeder die Antwort. Nadja Uhl gehört inzwischen zur Spitze der deutschen Film- und Fernsehstars.

Ihren ersten Sommer verbrachte die Schauspielerin übrigens an der Ostseeküste. In Stralsund kam sie 1972 zur Welt. Im nahen Dorf Franzburg wächst sie gut behütet in einer Großfamilie auf. Mit Oma, Opa, Mutter und Tanten - jedoch ohne Vater. Der geht, als seine Tochter zwei Jahre alt ist. Sie lernt ihn nie kennen. In der Kirche des Dorfes steht ein barockes Taufbecken mit Putten. In ihm wurden mehrere Generationen ihrer Familie getauft. Heute verlaufen sich die Spuren des Clans im Ort.

Ihr Lebensmodell: Alle unter einem Dach

Nadja Uhl hat ihr Nest in Potsdam gebaut. Mit ihrem Mann Kay Bockhold verwandelte sie die marode Villa Gutmann am Jungfernsee in ein Mehr-Generationen-Haus. Darin leben die beiden mit ihren zwei Töchtern - die ältere kam im Sommer vorm Balkon Jahr zur Welt - sowie Freunden und Verwandten zwischen 20 und 90 Jahren unter einem Dach. Nadja Uhl hält diese Art des Zusammenlebens langfristig für das sinnvollste Lebensmodell. Ursprünglich hatte sie mit ihrem Mann, der in Wismar geboren und in Potsdam aufgewachsen ist, sogar daran gedacht, einen alten Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern auszubauen.

Gepasst hätte sie hierher mit ihrer bodenständigen Art. Sie sei ein Kind dieser Zeit, aber stolz, in beiden Systemen gelebt zu haben, gab sie einmal in einem Zeitungsgespräch zu. Noch scheint ihr der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen zu sein. Sie ist wohltuend natürlich, offen und direkt. Immer und gegenüber jedem. Rollen will sie nur in Filmen spielen. Dann aber richtig. Ehrgeizig und gewissenhaft recherchiert sie selbst, spricht sie mit Kriminalbeamten, Kinderhändlern… Für „Sommer vorm Balkon“ machte sie sogar ein Praktikum im Altersheim. Extrem wandlungsfähig schlüpft sie in die Rolle der kaltblütigen RAF Terroristin (Der Baader Meinhof Komplex), der Geliebten des Profikillers (Lautlos) oder der verfolgten jüdischen Mutter (Nicht alle waren Mörder).

Eines Tages sitzt Volker Schlöndorff im Publikum...

Dass die gebürtige Stralsunderin mal Schauspielerin werden wollte, wusste sie eigentlich von Anfang an. Schon im Kindergarten erzählte sie allen davon. Nach dem Abitur in der Hansestadt am Strelasund bewarb sie sich an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin - und rasselt durch. Beim zweiten Versuch in Leipzig hatte sie mehr Glück. Während sie das Gretchen und die Hexe aus Goethes Faust auf der Bühne zum besten gibt, lacht sich die Jury kaputt. Mitten im Studium entdeckt sie der Intendant des Leipziger Schauspielhauses. Die Leute kommen in Scharen, um sie im Sommertheater spielen zu sehen. Nach der Ausbildung an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy erhält sie 1994 am Hans Otto Theater in Potsdam ihr erstes Engagement. Eines Tages sitzt Volker Schlöndorff im Publikum. Er stellt ihr das Sprungbrett vor die Füße und sie springt rauf. In seinem Drama „Die Stille nach dem Schuss“ spielt sie die DDR-Textilarbeiterin Tatjana, die raus will aus aus diesem eingemauerten Land und ihre Sehnsucht im Alkohol ertränkt. Als beste Schauspielerin hält Nadja Uhl auf der Berlinale 2000 den Silbernen Bären in der Hand.

Was für ein Glück sie als Schauspielerin hat, macht sie sich jeden Tag bewusst. Warmherzig und dankbar gibt sie dieses Gefühl an andere weiter. Wird der Rummel um sie herum zu groß, nimmt sie sich eine Auszeit. Sie sei, wird sie in der FAZ zitiert, zum „Leidwesen vieler Menschen regelmäßig schlecht erreichbar“. Warum auch nicht? Garantiert sind sie ihr teuer und lieb, die ungestört lauen Sommerabende auf dem Balkon. Dann sitzt sie da mit einer Freundin. Trinkt. Lacht. Und ist einfach fröhlich. Ja bestimmt tut sie das.

Text: Anja Bölck