„horizonte zingst“: Ein Ort wird zur Fotogalerie


Neun Tage, 19 Ausstellungen, mehr als 35.000 Besucherinnen und Besucher: Das 19. Umweltfotofestival „horizonte zingst“ verwandelte den Ostseeort in eine Galerie. Kuratorin Edda Fahrenhorst führte uns auf dem Fahrrad zu den Ausstellungen.
Liebe in allen Facetten
Menschen sortieren ihre Rucksäcke und Kameras, während Edda Fahrenhorst die Gäste in der Multimediahalle in Zingst begrüßt. Die Unruhe legt sich. Die Aufmerksamkeit ruht auf der Kuratorin.
Edda Fahrenhorst ist seit 2020 beim Umweltfotofestival „horizonte zingst“. Die Fotografie ist der rote Faden ihrer Biografie: Fotografiestudium in Bielefeld, Bildredakteurin bei der Agentur „Bilderberg“, heute Inhaberin der Agentur Fotogloria in Hamburg.
„Ich sammle das ganze Jahr über Inspiration, Eindrücke und spreche mit Leuten. So entwickle ich über einen langen Zeitraum die Basis für das Umweltfotofestival", sagt die Hamburgerin.
„horizonte zingst“ funktioniert anders als die meisten Festivals. Es gibt keine zentrale Halle, keinen einzigen Eingang. Stattdessen bespielt „horizonte“ den ganzen Ort: Plätze, Parks, Galerien, die Panzerhalle, den Strand. Wer alle Ausstellungen sehen will, muss sich bewegen. Das Fahrrad ist dafür das beste Transportmittel, denn die Wege sind zum Teil weit zu Fuß.
In der Multimediahalle zeigt die Gruppenausstellung „LIEBE“ fünf Serien, die alle dasselbe Thema tragen und dabei vollkommen verschieden sind. Etwa Nora Handsley und Mats Hoff fotografieren ihre Beziehung mitten hinein in eine Hirntumordiagnose. Florian Jaenicke begleitet seinen Sohn Friedrich, der mit schwerer Behinderung aufwächst.
Lauren Fleishman porträtiert Paare, die seit mehr als fünfzig Jahren zusammen sind. Eines der gerahmten Bilder zeigt ein älteres Paar nebeneinander im Bett. Die Frau küsst den Mann auf die Stirn. Ihre Hände halten sich. Darunter ihre eigenen Worte: Sie habe nie ganz überzeugt gewesen, dass er der Richtige sei. Aber sie habe gewartet. Das war schön. David und Daphne Price, London, verheiratet seit dem 12. November 1972.
Fremde, die sich berühren
Etwas weiter auf dem Bibliotheksplatz stehen großformatige Tafeln Spalier. Richard Renaldis Serie „Touching Strangers" zeigt Menschen, die sich nie zuvor gesehen haben und trotzdem so posieren, wie es sonst nur enge Freunden oder Familien tun. Eine Hand auf der Schulter. Ein Arm um die Taille. Körpernähe zwischen Fremden.
Edda Fahrenhorst erzählt: „Richard Renaldis geht auf Fremde zu, erklärt seine Idee und fragt dann, ob sie gemeinsam für ein Porträt posieren. Seit 2007 tut er das, auf Straßen und Plätzen durch die gesamten Vereinigten Staaten. Die eigentliche Frage dahinter ist nicht fotografisch. Sie ist menschlich: Was wäre, wenn wir Fremden genauso begegnen würden wie Menschen, die wir lieben?"
Höhlenwelten: Tief hinein
Ein paar Straßen weiter reihen sich auf einer Wiese schwarze Ausstellungswürfel wie Findlinge. Robbie Shones „Höhlenwelten" zeigen Gletscherspalten, unterirdische Flüsse, Räume, die kein Tageslicht kennen. Menschen wirken auf den Fotografien winzig. Sie werden zum Maßstab in einer Landschaft, die lange vor ihnen existierte.
Robbie Shone ist Fotograf, Kletterer, Expeditionsbegleiter. „Sein Antrieb ist Neugierde, eine zutiefst menschliche Eigenschaft", sagt Edda Fahrenhorst. Der Fotograf Robbie Shone steht neben einem seiner Bilder, das einen Felsbogen in Grönland zeigt. Er erzählt von eiskalten Nächten, fehlenden Lichtquellen und unbekannten Tiefen.
Weiter zur Leica Galerie Zingst. „The Two Walls“ zeigt großformatige Schwarzweißbilder von Menschenmassen, Grenzzäunen, erschöpften Gesichtern. Eine Ausstellung über Migration, entstanden aus eigener Migrationserfahrung des Fotografen.
Die Bilder bleiben
„Es fasziniert mich, die verschiedensten Fotografinnen und Fotografen kennenzulernen, herauszufinden, wie individuell Bilder und Bildsprachen entstehen. Und ich mag es, Fotografie so aufzubereiten, dass Bild und Betrachter sich verstehen", hat Edda Fahrenhorst einmal gesagt.
Die Ausstellungen in Zingst belehren nicht, schüchtern nicht ein, sondern lassen verstehen. Das 19. „horizonte zingst“ ist vorbei. Mehrere Outdoor-Ausstellungen sind noch bis ins Frühjahr 2027 zu sehen. Das Festival hallt nach.
20 Jahre „horizonte zingst“: Ein Aufbruch
Rückschau, Retrospektive, Archivbilder? Edda Fahrenhorst und Geschäftsführer Bert Balke haben sich dagegen entschieden. Das Thema für 2027 heißt „Echo". Der Titel steht für einen Klang, der zurückgeworfen wird und dabei etwas Neues formt.
Was aus zwanzig Jahren Fotografie zwischen Ostsee und Bodden bleibt, was nachhallt, was sich verändert hat. Das soll 2027 weitergedacht werden. Ausstellungen, die die Zeit aufnehmen und in der Folge etwas Neues entstehen lassen.
Vom 28. Mai bis 6. Juni 2027 wird Zingst wieder zur Galerie.







