10.10.2026

Zwischen Blut und Gerechtigkeit

Ein Mann und eine Frau. Ihre Köpfe sind weiß geschminkt und liegen nebeneinander auf einer Bühne.
Judith Rosmair gehört zu den markantesten Darstellerinnen des deutschsprachigen Gegenwartstheaters. Ihre Rolle als Klytemnästra ist ihr erstes Gastengagement am Theater Vorpommern. Als Orest an ihrer Seite: Jakob Schleert. Er gehört seit Beginn der Spielzeit 2024/25 zum Schauspielensemble.

Drei Morde. Ein Fluch. Und die Frage, was Gerechtigkeit heute bedeutet: Am Theater Vorpommern feiert „Orestie“ nun auch Premiere in Stralsund. Das Stück – ein antiker Stoff in preisgekrönter Neubearbeitung. 

Vor fast 2.500 Jahren erlebte die „Orestie“ von Aischylos bei den berühmten Theaterwettkämpfen, den großen Dionysien, im antiken Athen ihre Uraufführung. Bis heute gilt sie als eine der bedeutendsten antiken Tragödien und ist zugleich die einzige vollständig erhaltene Trilogie („Agamemnon“, „Choephoren“, „Eumeniden“) aus der Zeit der griechischen Antike.

Das Theater Vorpommern präsentiert das Schauspiel in der preisgekrönten Neubearbeitung von Robert Icke. Der britische Regisseur und Autor verlagert den antiken Stoff in die Gegenwart und zeigt, dass verhandelte Fragen rund um Recht und Gerechtigkeit keineswegs an Aktualität verloren haben.

Spirale der Rache

Im Zentrum des Geschehens steht ein zerstörerisches Beziehungsgeflecht: Die Familie um den Kriegsherren Agamemnon und seine Frau Klytämnestra teilt einen Moment scheinbarer Normalität. Doch unter der Oberfläche brodelt bereits ein unausweichlicher Konflikt zwischen politischer Verantwortung, militärischem Kalkül und familiärer Bindung.

Kriegsherr Agamemnos opfert zugunsten des Staatsinteresses seine Tochter Iphigenie und entfesselt so eine Rachedynamik. Als er Jahre später als Kriegsheld nach Hause zurückkehrt, wird er von seiner Frau ermordet, die damit wiederum die Rache von Orest, ihrem Sohn, auf sich zieht.

Robert Icke macht in seiner Neubearbeitung aus dem Mythos ein radikal gegenwärtiges Familiendrama, in dem jede Tat die nächste herausfordert, jede Schuld neue Schuld erzeugt. Bis die Frage unausweichlich wird: Wie lässt sich die Logik der Rache durchbrechen – und wer spricht am Ende das Urteil? Dabei fragt Ickes „Orestie“ nicht nach einem fernen Gründungsmythos, sondern nach unserer Gegenwart: Was unterscheidet Rache von Recht? Wer besitzt die Deutungshoheit über Schuld? Wo beginnt Gesellschaft – und woran kann sie zerbrechen?

Antiker Stoff in einer neuen Zeit

Für seine erste Regiearbeit am Theater Vorpommern hat sich Torsten Fischer ganz bewusst für die 2015 entstandene Neubearbeitung von Robert Icke entschieden. „Die Entscheidung hat etwas mit der Angst des Publikums vor der griechischen Tragödie zu tun, mit der Angst, zu wenig Vorwissen zu haben, um bei einer Aufführung mitzukommen“, sagt er. Hinzu komme die Kompliziertheit der Sprache, die manche deutsche Übersetzungen noch verstärken. „Der Verdienst von Robert Icke ist es, die „Orestie“ in eine uns verständliche Sprache zu übersetzen und zugleich auch die Konflikte der Figuren in unsere Zeit zu übertragen und uns nahezubringen.“ Nach dem Staatstheater Stuttgart und dem Staatstheater Nürnberg ist das Theater Vorpommern das dritte deutschsprachige Theater, an der Ickes „Orestie“-Bearbeitung zu sehen ist.

In Greifswald hatte das Stück bereits im September Premiere. Nun kommt es auch ins Große Haus nach Stralsund: Premiere dort ist am Freitag, 16. Oktober, 19.30 Uhr. 


Die weiteren Termine sind: 

  • Stadthalle Greifswald: 29. Oktober und  27. Dezember, 18 Uhr. Für die Schulvorstellungen am 30. Oktober und 8. Januar gibt es nur noch Restkarten.
  • Großes Haus Stralsund: 24. Oktober, 19.30 Uhr / 1. November, 18 Uhr / 2. November, 10 Uhr (Schulvorstellung) / 10. Januar 2027, 18 Uhr.

Die Aufführung dauert ungefähr 2,5 Stunden und enthält eine Pause. Infos und Karten unter www.theater-vorpommern.de.