Till Richter zeigt moderne Kunst im Herrenhaus
Till Richter studierte in Paris und lehrte als Professor in den USA. 2013 verwandelte der Kunsthistoriker das klassizistische Herrenhaus Buggenhagen bei Wolgast in ein privates Museum für zeitgenössische Kunst. Ein Rundgang durch die Säle voller internationaler Kunst.
Ein Herrenhaus nach Berliner Vorbild
Verknotete Bäume beugen sich über das Kopfsteinpflaster. Am Ende der Allee erhebt sich das klassizistische Herrenhaus von Buggenhagen. Hinter der weißen Fassade zeigt Till Richter in seinem privaten Museum seit 2013 internationale Gegenwartskunst.
„Ich wollte immer schon ein eigenes Ausstellungshaus managen", erzählt der Hausherr. Jetzt führt er eines von etwa 150 privaten Museen in Deutschland. Das Gut liegt wenige Kilometer von Wolgast entfernt an der Strecke nach Usedom am Rande eines Naturschutzgebietes.
„Die Abgeschiedenheit hält die Kunstszene nicht fern. Hunderte Kunstliebhabende kommen jedes Jahr zu uns. Der isländische Botschafter kam Anfang des Jahres. Er besuchte die Ausstellung der ebenfalls isländischen Künstlerin Anna Sigmond Gudmundsdottir kurz nach der Eröffnung und bewunderte das geschichtsträchtige Gebäude", erzählt Till Richter.
Wie am Pariser Platz in Berlin
Die Familie von Buggenhagen hatte das Anwesen seit dem 13. Jahrhundert geführt. Den Kern des Gebäudes aus der Mitte des 18. Jahrhunderts kleideten Bernhard und Hermann von Buggenhagen um 1840 in ein klassizistisches Gewand. Als Vorbild wählten sie die Bauten am Pariser Platz in Berlin, dem Platz am Brandenburger Tor.
Nach 1945 verlor die Familie das Anwesen durch Enteignung. Nach der Wende stand das Haus leer, bis ein Käufer es 1995 erwarb und sanierte. Zwischenzeitlich nutzte ein Betreiber es als Hotel, bevor ein neuer Hausherr einzog.
Der Hausherr führt durch die Säle
Till F. A. Richter studierte an der Sorbonne in Paris und lehrte als Professor in den USA. Im August 2013 eröffnete er im Herrenhaus Buggenhagen sein Museum für zeitgenössische Kunst.
Die Rolle des Gastgebers nimmt er wörtlich. Täglich um 15 Uhr führt der Kunsthistoriker seine Besucherinnen und Besucher durch die Säle, wie einst der Gutsherr seine Gäste, und erläutert Entstehung und Hintergründe der Werke.
Stuck, Parkett und Kohle
Die Innenräume bewahren den Klassizismus: hohe Sprossenfenster, Fischgrätparkett, Türfluchten mit profilierten Rahmungen. Im großen Salon wölbt sich die Decke über einem Kamin aus hellem Stein. Wo man eine Ahnengalerie erwarten würde, nehmen schwarz-weiße Arbeiten fast die ganze Wandhöhe ein.
Im Treppenhaus rahmt eine weiß geschnitzte Balustrade den Aufgang. Dort empfängt eine Skulptur die Gäst, die an ein Gürteltier erinnert. „Die Skulptur begleitete mich schon länger als ein Jahrzehnt", sagt Till Richter. In einem weiteren Saal ragen mehrere Meter hohe Kohlezeichnungen auf: Ein Zaun durchschneidet eine verschneite Landschaft, Gestalten drängen durch einen Gang. Wo die Architektur Harmonie verspricht, setzen die Bilder bewusst Unruhe.
In den angrenzenden Räumen brechen kräftige Farben die weiße Strenge auf. Rot gemalte Hundekörper von Gregorio Iglesias Mayo heben sich von hellem Grund ab. Auf großen Leinwänden von Julia Schewalie laufen Violett, Rot und Rost in langen Bahnen nach unten. Hier reflektieren Spiegelobjekte von Paul Raguenes in Magenta, Blau und Orange Parkett und Wände und tauchen das Herrenhaus in ungewohnte Farben.
Werden statt Vollendung
Die Sammlung umfasst mehrere hundert Werke in allen Medien von über 100 Künstlerinnen und Künstlern aus Europa, Amerika und Asien. Statt einer Stilrichtung verfolgt Till Richter drei Kriterien: Materialität, Struktur und Prozess. Die Sammlung fragt, wie ein Werk entsteht, woraus es besteht und welche Arbeitsspuren es trägt.
Holzschnitte im Herrensitz
Ein eigener Raum versammelt Druckgrafik: Holz- und Linolschnitte in schwarzen Rahmen, viele davon aus Lateinamerika. „Más sabe el diablo por viejo“ rahmt eine grüne Teufelsfigur zwischen Kakteen. Ein anderes Blatt verkündet: „Mi cuerpo sigue siendo un campo de batalla“, mein Körper ist immer noch ein Schlachtfeld. Daneben zeigen die Drucke Straßenkreuzer, Vögel, Heilige und Totenschädel in feinem Schnitt.
Der Raum verdeutlicht das Profil des Museums: Neben etablierten Positionen fördert das Haus gezielt junge, aufstrebende Künstlerinnen und Künstler.
Sechs Ausstellungen in dieser Saison
Zum Saisonstart am 2. Mai eröffnete das Museum sechs neue Ausstellungen. Gregorio Iglesias Mayo zeigt eine Retrospektive zu seinem 60. Geburtstag. Die isländische Künstlerin Anna Sigmond Gudmundsdottir präsentiert Zeichnungen, Drucke und Malerei. Julia Schewalie steuert abstrakte Arbeiten bei, Paul Raguenes Installationen. Eine Ausstellung würdigt den verstorbenen Künstler Fero Freymark. Das Studierendenprojekt Mikromint ergänzt das Programm mit mikroskopischen Fotografien.
Rund um das Herrenhaus erstreckt sich ein sieben Hektar großer Park mit eigenem See, eingebettet in ein Naturschutzgebiet. Draußen löst sich die strenge Achse der Alle und der Fassade in alte Baumbestände und Wiesen auf. So umschließt die Landschaft, was im Inneren aufeinandertrifft: klassizistisches Maß und die Unruhe der Gegenwart.
Till Richter Museum
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, an Feiertagen ab 12 Uhr. Gruppen ab 8 Personen auch mittwochs nach Vereinbarung.
Eintritt: 10 Euro, ermäßigt (Studierende, Azubis) 5 Euro, Kinder unter 10 Jahren frei. Jahreskarte 50 Euro, mit Begleitung 60 Euro.
Direktorenführung: täglich 15 Uhr, 20 Euro inklusive Eintritt. Anmeldung per E-Mail empfohlen.
Kontakt: till.richter@tillrichtermuseum.org
Weitere Informationen: tillrichtermuseum.org









