Ein Knäuel aus vielen Kabeln.
Sarah Fischer komponiert ihre Werke mit vielen kleinen Strichen.
11.12.2018

Handykabel trifft Eichhörnchennest

Sarah Fischer hockt auf einem umgefallenen Baumstamm an einem See.
Sarah Fischer liebt es, durch die Natur zu streifen. Dabei entdeckt sie die besten Motive für ihre Werke.
Auf einer Computertastatur kriecht eine Schnecke mit Schneckenhaus. Über der Tastatur hängt ein Kabel.
Eine Schnecke kriecht über die Tastatur. Immer wieder taucht bei Sarah Fischer das Thema Langsamkeit auf.
Ein Hase hängt mit den Füßen in Seilen fest.
Ein Hase hängt in den Seilen. Unseren echten Feldhasen geht es ähnlich. Mit unserer Agrarkultur kommen sie nicht mehr zurecht.

Umzugskisten, Feldhasen, Handyaufladekabel und Eichhörnchennester haben für gewöhnlich wenig miteinander zu tun. Da Künstler es aber so an sich haben, gewöhnliche Pfade zu verlassen, kommt es für die Greifswalder Künstlerin Sarah Fischer nicht darauf an, was in unserem Kopf vor sich geht, sondern was sich bei ihr für „Kopfsalat“ ansammelt. Von all den Dingen, die scheinbar nicht zusammenpassen – und dann irgendwie doch, wenn man sie einer gewissen Frage unterwirft.

Ein Beispiel gefällig? Sarah Fischer beschäftigt sich gern mit den Themen Mensch, Natur, Schnelllebigkeit. Was macht die hastige Zeit mit uns? Die Künstlerin entwirrt ihre Gedankenknäuel in vielen kleinen schwarzen Strichen auf dem Papier. Schafft sehr akribisch und langsam surreal und zugleich klar wirkende Szenerien. In denen mal eben eine Schnecke über die Computertastatur kriecht. Ein Handykabel aus dem Eichhörnchennest herunter baumelt, ein Feldhase in den Seilen hängt.

Eichhörnchennester muss Sarah Fischer nicht im Biobuch nachschlagen. Der Wald war ihre Spielwiese während der Kindheit in Rheinland-Pfalz. Fußball kicken gehörte dazu. Zeichnen natürlich auch. Die Kombi Bildende Kunst und Skandinavistik lockt sie, den Kinderschuhen entschlüpft, an die Uni in Greifswald. Nach einem Studienaufenthalt in Schweden kehrt sie in die Hansestadt zurück. Und macht sich an die Arbeit, eine grafische Serie zu Gedichten des schwedischen Literaturpreisträgers Tomas Transströmer zu schaffen.

Um sich am Ende des Studiums einigermaßen über Wasser zu halten, nimmt sie einen Job als Projektleiterin in der Offenen Nähwerkstatt Kabutze in Greifswald an, einem Begegnungsort für Menschen jeglichen Alters und jeglicher Couleur. In Workshops kann hier jeder lernen, wie man ungeliebte Kleider verändert oder aus Stoffresten neue näht. Gegen ein paar Euro Spende dürfen die Besucher der Werkstatt die Nähmaschine benutzen und unter Anleitung kaputte Kleidungsstücke reparieren. Es geht darum, der Wegwerfgesellschaft etwas entgegenzusetzen. Dieses Ziel verfolgt der Verein Kabutze. Und Sarah Fischer, die Frühaufsteherin und In-den-Tag-Grüblerin, findet das großartig.

Ihre Arbeitswoche teilt sich nun in ihren Brotjob als Projektleiterin der Offenen Werkstatt und in ihre Arbeit als freie Künstlerin. Als letztere hat sie sich in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen einen Namen gemacht. Geholfen hat der Grafikerin dabei eine Wettbewerbsausstellung für junge Künstler aus MV mit dem etwas komplizierten Namen "Insomnale". Hier gewann sie den ersten Platz und somit ein Stipendium im Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop. Seitdem steht sie im Mittelpunkt zahlreicher Ausstellungen im Land. So selbstverständlich, wie sie ihre Schnecken über Tastaturen kriechen lässt, so beharrlich erobert sich die junge Frau ihren Platz in der Kunstszene.

Text: Anja Bölck