Das offizielle Kulturportal für Mecklenburg-Vorpommern
Karte öffnen

Rückzug von der Schnelllebigkeit

Manfred W. Jürgens

Er hat Altkanzler Helmut Schmidt, Till Lindemann von Rammstein und Prostituierte in Wismar porträtiert. Manfred W. Jürgens. Ein Maler, der seine Berufung in einer alten Kunstform gefunden hat: der realistischen Malerei im Stile der alten Meister.

30 DM, keine Versicherung, kein Ausweis und kein Bankkonto - so kam Jürgens 1997 nach Wismar. Er war völlig abgestürzt nach der Trennung von seiner Frau. Er hatte nichts.

Eines Nachts jedoch war da dieser Traum: Er müsse an die Ostsee ziehen, um die „Huren im Bordell” zu malen, wie er sich erinnert. Über ein Jahr war er jeden Tag dort, redete mit ihnen und lernte sie kennen. „Die Geschichten, die die Frauen mir erzählten, waren natürlich tausendmal schlimmer als dieses bisschen Leid, was ich erfahren hatte.”

Auf den sechs Porträts von ihm haben die Frauen vor allem eines - Persönlichkeit. Fast nichts wirkt aufgesetzt. Nur Anja schaut etwas betont abschätzig auf den Betrachter herab. Sie ist zum Zeitpunkt des Porträts 23 Jahre jung. Die entstandene Freundschaft aus dieser intensiven Zeit hält noch heute an.

Detailverliebtheit und Sinn für Seelentiefe 

Es war Jürgens erste Ausstellung im Baumhaus in Wismar. Niemand hätte damals geahnt, dass er 15 Jahre später auch Helmut Schmidt porträtieren würde. Jürgens wurde 1956 in Grevesmühlen geboren. Er erzählt noch heute von seinen Besuchen in Dresden, wo er als sechsjähriger Junge von seinen Großeltern in der Gemäldegalerie beim Pförtner abgegeben wurde und stundenlang vor ausgesuchten Bildern stand. Er begann als junger Mensch die alten Meister zu kopieren, mit denen ihn auch heute noch eine gewisse Detailverliebtheit und ein Sinn für Seelentiefe verbindet.

Nach der Schule fuhr er jedoch erst einmal zwei Jahre zur See und lernte danach Anstreicher, um etwas „Richtiges” in der Tasche zu haben. Erst mit 29 wagte er den Schritt zur Malerei: Er studierte Kommunikationsdesign mit der Vertiefung Wissenschaftsgrafik und Fotografie an einer der wenigen Design-Hochschulen in der DDR, der Fachschule für Werbung und Gestaltung in Berlin. Schnell musste Jürgens aber feststellen, dass schon damals kein malerisches Handwerk mehr vermittelt wurde, weswegen er sich eigenständig weiter bildete.

Er malt kleine und große Porträts, nicht nur wie später von bekannten Persönlichkeiten wie Till Lindemann, dem Sänger von Rammstein, sondern auch von der 90-jährigen Nachbarin, welche ihn mit Kuchen bezahlt.

Aufträge dauern häufig drei Jahre

Jürgens eckt auch an. Porträtaufträge dauern häufig drei Jahre - unverschämt viel Zeit in einer Gesellschaft, die schnellstmöglich Ergebnisse erwartet. Er sieht seine Malerei als ein Rückzug von der Schnelllebigkeit und der zunehmenden Inhaltslosigkeit. „Da möchte ich etwas gegen setzten. Ich will, dass die Malerei eine gewisse Ruhe bringt. Auch mir.” Er könne auch andere künstlerische Ausdrucksformen. „Abstraktere”, meint er, „aber es langweilt mich zutiefst. Jede Malerei ist eine Abstraktion, auch der Realismus ist eine Form von Abstraktion, obwohl ich das Wort Realismus scheußlich finde. Weil da ein muss drinnen ist. Keiner muss.”

Viel von seiner Haltung steckt auch in dem von ihm entwickelten Konzept der Ein-Bild-Ausstellung. Die Idee entstand mit der Arbeit an einem Porträt der Kneipen-Oma Erna Thomsen aus Hamburg. Diese hatte 1949 in einer Reeperbahn-Seitenstraße ihre Kneipe gegründet (den Silbersack) und betrieb diese über 60 Jahre lang. Waren die Gäste früher noch Hafenarbeiter und Walfänger, wurden es mit der Jahrtausendwende mehr und mehr Fußballfans und Partygänger. Jürgens hat die alte Dame verewigt. „Da habe ich gedacht: da stellen wir die Staffelei in die Kneipe, das Bild darauf und sagen das ist eine Ausstellung. Da kamen dann so um die 400 Leute. Jede Stunde wechselte das Publikum. Das war klasse.” Der NDR berichtete über das ungewöhnliche Porträt und Astra sponserte das Bier.

Jürgens macht nicht gerne eine große Show um seine Werke. Und er hat Angst vor Publikum. Bei Ausstellungseröffnungen geht er zitternd auf die Bühne, muss die Rede aber immer selbst halten. „Ich mag nicht, dass irgendwelche klugen Kunsthistoriker auf einer Ausstellung einen hochloben zu einem Status, den man nie erreichen wird. Somit habe ich gesagt, ich mache das auf Eröffnungen selbst. Dann mache ich mich über mich selbst lustig, erzähl ein paar Geschichten zu den Bildern und dann hat sich das.”

„Da male ich lieber einen Kohlrabi”

Das von ihm entwickelte Konzept der Ein-Bild-Ausstellung ist Ausdruck einer Suche nach Einfachheit und Tiefe. „Das Ding ist eben, dieses eine Bild muss stark genug sein, um dem Anspruch des Publikums zu widerstehen und dem gerecht zu werden. Das muss substanziell sein.” Stillleben malt Jürgens als Kontrast. „Jetzt hast du dich fünf Monate mit Till Lindemann auseinandergesetzt, da will ich mich nicht gleich mit dem nächsten Psychogramm des nächsten Menschen beschäftigen. Da male ich lieber einen Kohlrabi.”

Genau wie die Porträts werden die Stillleben durchgeplant und inszeniert, um sie dann in altmeisterlicher Lasurtechnik auf die zuvor im Keller selbstgefertigten Holztafeln zu malen. Alle Vorlagen werden vernichtet. Das sind meist digitale Foto-Kompositionen in Photoshop - Zeichnen mag er nicht. Fotografieren ist sein Skizzieren. So wird nur der Entstehungsprozess fotografisch dokumentiert. „Mich interessiert nur das fertige Bild. Das möchte ich hinterlassen. Das sollte zumindest so sein, dass ich damit zufrieden bin.”

Wenn er sich nicht gerade beim Arbeiten DIE ZEIT, das Gesamtwerk von Shakespeare oder Faust I & II vorlesen lässt, hört er nach eigener Aussage „500 Jahre Musik”, sammelt alles, was ihm unter den Nagel kommt und macht als DJ MWJ selbst „Saurier-Disko - Musik zu jeder Urzeit”. Jürgens legt seit 1969 auf, seit 1979 (inklusive einer langen Pause von 20 Jahren) regelmäßig auf dem Sommerfest von Dambeck bei Bobitz. Dort macht er den Genremix von Rock, über Ska bis Post-Punk zum Prinzip: Die Gäste können sich im Vorfeld ihre Lieblingstitel selbst wünschen.

Glücksfall Helmut Schmidt 

Jürgens großer Glücksfall war, dass Helmut Schmidt sich 2012 von ihm porträtieren ließ. Er saß spät nachts mit ein paar Freunden in Hamburg in einer Kneipe. Einer von ihnen war Journalist und hatte am nächsten Morgen ein Interview mit Schmidt. Er fragte in die Runde, ob noch jemandem eine gute Frage einfällt. „Frag ihn doch, ob er sich von mir malen lässt!”, antwortete Jürgens. Was genau Schmidt bewogen hatte, sich darauf einzulassen, wusste nur er selbst. Auf jeden Fall gab es ein paar Tage später einen Anruf im Hause Jürgens und kurz darauf befand sich der unbekannte Künstler im Büro des Altbundeskanzlers im ZEIT-Verlag in Hamburg, um über das geplante Porträt zu reden.

Der damals 95-Jährige saß noch fit und hellwach hinter seinem Schreibtisch und hatte sich für das Porträt so unvorteilhaft wie möglich zurechtgemacht, so der Eindruck des Malers. Das letzte autorisierte Porträt hatte Bernhard Heisig für die Galerie des Kanzleramts 1986 gemalt und nun, fast 30 Jahre später, saß Schmidt vor Jürgens und machte ihm mit jeder Geste deutlich, dass er keinen Grund für ein weiteres Porträt sähe.

„Das war die stärkste Persönlichkeit, die mir je begegnet ist. Ich dachte, jetzt will ich wissen, ob ich dem gewachsen bin. Wahrscheinlich war das die Grundidee für dieses Bild: bin ich dem gewachsen?” Jürgens hatte sich für diesen Tag gut vorbereitet und war über jede politische Entscheidung, welche Schmidt in seiner Karriere getroffen hatte, informiert. Doch das entscheidende Argument, das den agilen Politiker letzten Endes überzeugte, waren nicht die Wörter, sondern das Schweigen.

„Irgendwann hab ich dann gedacht, Jürgens, jetzt hältst du die Fresse, gehst ganz dicht an diesen Schmidt heran, auf Augenhöhe, und dann haben wir uns zwei Minuten ohne zu blinzeln angeguckt. Es war wie ein Hahnenkampf.” Und weil Jürgens gut zu Hause vor dem Spiegel geübt hatte und nicht locker ließ, gab Schmidt nach und ließ sich porträtieren.

Zur Präsentation des fertigen Gemäldes bekam Schmidt die Retour. Als dieser morgens in sein Büro kam, stand das Gemälde verhüllt an der Seite und erst nach einer halben Stunde lüftete Jürgens das Tuch. Es ist allgemein bekannt, dass Schmidt nie lobt. Sein einziger Kommentar war: „Den Kerl da haben Sie jünger gemalt.” Es hat ihm gefallen.

Jetzt wieder in Wismar

Bei Jürgens ist alles aus seiner Hand. So wie er die Bilder selbst inszeniert und die Malgründe selbst baut, hat er seine eigene Galerie im Erdgeschoss und schreibt seine eigene Webseite. Nur um die Geldgeschäfte kümmert sich seine Frau Bärbel Koppe. Sie ist seit 2012 Professorin für Wasserbau an der Hochschule Bremen. „Von Kunst leben? Ich kann es gar nicht. Wenn es Bärbel nicht geben würde, wäre ich daran verhungert. Sie macht die Vermarktung. Wir verkaufen nur so viel, wie wir zum Leben brauchen.” Sie ist seine Muse. „Wir können uns stundenlang, wenn ich eine Idee habe und anfange zu malen, um einen Strich streiten. Ob der so ein Stückchen höher oder tiefer oder schräg muss.”

Die beiden wohnen nach zehn Jahren Hamburg, Bremen und Ausland inzwischen wieder in ihrer Wahlheimat Wismar. So wie Jürgens Karriere in Wismar begonnen hatte, so ist er nun wieder zurückgekommen. Sie haben eine Villa mit Garten, in welchem Petersilie und Schnittlauch in Hochbeeten gezüchtet werden. In jedem Zimmer im Haus wird man wahlweise von toten Fischen, melancholischen Kühen, stolzen Hähnen oder von den meist ernsten Blicken der Porträtierten gemustert. Jürgens hat den Eindruck, es gehe mit seinen 61 Jahren gerade erst wieder los. Den BP Portrait Award, den weltweit bedeutendsten Preis in der Porträtmalerei, würde er gerne gewinnen. Er war schon einige Male kurz davor, aber gewonnen hat er bisher noch nicht.

Aber bei Jürgens weiß man ja nie.

Autor: Samuel Lewek

(Der Text ist im Rahmen des Seminars „Grundlagen des Journalismus” an der Hochschule Wismar entstanden.)