28.10.2026

Tanja Zimmermanns Collagen-Wände

Tanja Zimmermann steht in einem großen Raum. An der Wand hinter ihr hängt ihre Kunst.

Tanja Zimmermann ist in Rostock aufgewachsen, hat in Dresden Kunst studiert und in Berlin ihren Platz gesucht. Heute entstehen in ihrem Atelier in Mecklenburg Collagen, Malereien und Zeichnungen, in denen sich Kunstgeschichte, gesehene und fiktive Landschaften sowie das eigene Unterbewusstsein überlagern. Kultur-MV hat sie besucht.

Tanja Zimmermann steht in ihrem Atelier. An der Wand stehen Regale und lehnen Kunstarbeiten.
In ihrem Atelier sammelt Tanja Zimmermann Fundstücke und ihre Arbeiten. Diese kuratiert sie zu Collagen-Wänden und Büchern zusammen.
Tanja Zimmermann steht an einem Tisch. Sie schaut in ein aufgeschlagenes Buch.
In ihren Büchern erzählt sie in Schrift, Bild und Collagen vom Leben und vom Unterbewussten.
Tanja Zimmermann hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand. Es ist ein Kunstwerk.
Wer ihre Bücher aufschlägt, verliert sich im Feinsinn, Farben und Formen. Sie berühren und stoßen etwas im Inneren des Betrachtenden an.
Pinseln und Farben stehen auf einem Tisch. Dahinter ist ein Waschbecken an der Wand.
Pinsel, Farben, Kleber – in ihrem Atelier versinkt Tanja Zimmermann in ihrer eigenen Welt aus Historie, Erinnerungen und Unterbewusstem.

Kindheit und Kunst

Die Wand ist übersät mit Papieren, ausgeschnittenen Gesichtern, alten Fotografien, Kartenstücken und Farbflächen. Tanja Zimmermann verwebt Geschichte, Fragmente und Unterbewusstes zu Collagen, die ganze Flächen füllen können. 

Ihr Vater ist Dr. Horst Zimmermann. Er hat in den 1960er-Jahren die Kunsthalle Rostock aufgebaut und als Gründungsdirektor geleitet. Als das Haus 1969 eröffnete, war seine Tochter neun Jahre alt. Manche Tage verbrachte sie gern in den großzügigen hellen Räumen der Kunsthalle, das Gegenteil der kleinen Plattenbauwohnung der Familie. Auch war sie fasziniert von den Ateliers der KünstlerInnen, die der Vater besuchte und sie manchmal dahin mitnahm. Das Zeichnen lernte sie bei Waldemar Krämer im Konservatorium Rostock im selben Unterricht wie Holger Stark, ihrem späteren Partner. 

Nach dem Abitur 1979 in Rostock bewarb sie sich an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Die Zeit bis zum Studienbeginn überbrückte sie mit einem Jahr im Kupferstichkabinett, parallel besuchte sie 1980/81 das Abendstudium der Hochschule. Von 1981 bis 1987 studierte sie Malerei und Grafik bei Prof. Gerhard Kettner. 1982, gleich zu Beginn des Studiums, kam ihr Sohn Jakob zur Welt. Von 1989 bis 1991 war sie Meisterschülerin bei Prof. Johannes Heisig und zeichnete und druckte fast ausschließlich in der Lithografie-Werkstatt. Die Druckgrafik prägt ihr Werk bis heute: das Schichten, das Abziehen, das Spiel mit Zufall und Kontrolle.

Berlin und zurück aufs Land

Noch vor der Zeit als Meisterschülerin lebte sie ein Jahr in Wangelin. 1993 zog sie nach Berlin und hatte dort 10 Jahre lang Wohnung und Atelier. 1995/96 nahm sie am Goldrausch-Künstlerinnenprojekt teil, einem Professionalisierungsprogramm für Bildende Künstlerinnen. Sie war eine der wenigen Frauen aus dem Osten in ihrem Jahrgang. Doch Holger Stark zog es aus Berlin fort. „Er hatte Sehnsucht“, sagt Tanja Zimmermann. 2003 kehrte die Familie nach Mecklenburg zurück. Sie kauften einen verfallenen Speicher und bauten ihn zum Wohn- und Atelierhaus aus. Das war vor 23 Jahren.

„Ich arbeite am intensivsten, wenn ich woanders bin“, sagt die Künstlerin. Der Satz klingt wie ein Widerspruch, denn Tanja Zimmermann ist jeden Tag im Atelier. Doch genau dort sammelt sich, was sie unterwegs gesehen, gelesen und aufgehoben hat. Sie arbeitet in Serien, mit Collagen und mit einzelnen Papier-Stücken, die auf der Atelier-Wand hin und her wandern, bis sie „passen“.  Ihre Technik verbindet gefundenes Material mit Geschichten vom Landleben, vom Reisen, von den unterschiedlichen Ereignissen in der Welt. Auch ihr Dasein als Mutter beeinflusste ihre Themen, ihre Suche nach der inneren Balance in den Bildern.

Die Zusammenarbeit mit dem Dichter Bert Papenfuß (1956–2023) war wichtig für sie in der Zeit als ihre Diplomarbeit entstand. Er wurde im mecklenburgischen Stavenhagen geboren, war eine zentrale Stimme der Prenzlauer-Berg-Szene und überzeugter Anarchist. Es entstanden Lithografie-Mappen zu seinen Texten. Seine Verse über Mecklenburg, eigensinnig und sprachverliebt, tauchen bis heute als Impuls in ihren Arbeiten auf.

Es entstanden im Laufe der Jahre Künstlerbücher mit Texten von Mark Strand wie auch vom Dichter Michael Donhauser und Einzelarbeiten zu Werken von zum Beispiel der Barockdichterin Sibiyla Schwarz und anderen mehr. 

Gertrud Bing und die gerettet Bibliothek

Ihre aktuelle Serie, inspiriert durch die Einladung zur Ausstellung „Shadowlands“ kreist um eine Frau, die heute kaum jemand kennt: die Hamburger Kulturwissenschaftlerin Gertrud Bing (1892–1964). Sie war die engste Mitarbeiterin von Aby Warburg, dessen Kulturwissenschaftliche Bibliothek in Hamburg zu den bedeutendsten Forschungsbibliotheken ihrer Zeit gehörte. Warburg starb 1929. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, brachten Gertrud Bing und Fritz Saxl die Bibliothek nach London, rund 60.000 Bände. Aus ihr wurde das Warburg Institute, das Bing später als Direktorin leitete.

Tanja Zimmermann verknüpft diese Geschichte mit ihrem eigenen Unterbewusstsein. Kunstgeschichtliche Bildzitate, Schatten, Bruchstücke von Archivmaterial: In ihren Collagen wird die Flucht einer Bibliothek zu einer Frage, die bleibt. Was retten wir, wenn wir gehen müssen?

Atelierbesuche von 2017 bis heute

Blätter mit gezeichneten Gesichtern liegen übereinander auf einem Tisch.

Die Kunstsammlung des Landes wächst stetig. Seit 1994 kauft MV Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern des Landes für die Nachwelt auf. Eine Kommission aus Experten aller Genres wählt Kunstschaffende aus und besucht sie in ihren Ateliers. Überblick über die Kunstschaffenden...