Sally Freys abgeriebene Erinnerungen
Wie funktioniert Gedenken, wenn Zeitzeug/innen sterben? Sally Frey ergründet Erinnerungen in Interviews, Fotografien und Abreibungen. Seine Arbeiten gehören jetzt zur Kunstsammlung Mecklenburg-Vorpommerns.
Mehrmals fährt Sally Frey nach Fürstenberg in Brandenburg. Die Fahrt dauert knapp zwei Stunden über flache Wege, vorbei an Seen und Feldern. In Fürstenberg angekommen, geht er zu einem Ort, an dem 30.000 Frauen starben. Das Konzentrationslager Ravensbrück.
Er bringt jedes Mal wenig mit: eine Kamera, Papier, ein Aufnahmegerät. Aber besonders ringt er mit zentralen Fragen: Wie gehen Menschen mit Leid um? Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn das Unfassbarste vorbei ist? Und wie wird persönliche, kollektive und archivierte Erinnerung zu etwas Sichtbarem, das andere berührt?
Wie funktioniert Erinnern?



Sally Frey steht zwischen seinen zusammengetragenen Fragmenten. Fotografien und Papierarbeiten lehnen an Wänden, daneben Steine, Fundstücke, Postkarten. Ein Stück Stahl aus den Hermann-Göring-Werken in Linz. Eine Postkarte aus dem Jahr 1939 zeigt eine Sommerlandschaft, im Hintergrund eine fast unmerkliche Silhouette von Ravensbrück. Der Künstler erzählt von Familienfotos mit dem KZ im Hintergrund.
„Meine Frage ist: Wie funktioniert Erinnern? Wie gehen Menschen damit um, wenn sie überleben? Was nehmen sie mit? Wann schauen sie weg? Wann intervenieren sie?", sagt Sally Frey.
Diese Fragen machte er zu seiner künstlerischen Recherche. Zu Besuchen in ehemaligen Konzentrationslager wie Mittelbau-Dora bei Nordhausen in Thüringen. In dem Außenlager brachen Häftlinge Granit und wurden dabei gebrochen. Eine lange Treppe führt noch heute in den ehemaligen Steinbruch hinab. Sally Frey betrat diese Treppe, fotografierte sie, nahm die Schritte auf, fühlte die Verantwortung.
Künstlerische Expedition
Dabei arbeitet er nicht gegen die Geschichte an. Er arbeitet mit ihr. Mit den Spuren, die die Jahre in die Materie geritzt haben. Die Technik nennt er „Abreiben". Er nimmt ein Blatt Papier, presst es gegen ein beschädigtes Mauerwerk mit Einschusslöchern und reibt mit aller Kraft darüber. Das Papier nimmt die Struktur auf, die Rauhheit, die Verletzungen. Manchmal bricht das Papier dabei durch, zerreißt unter der Kraft der Bewegung. Das ist Absicht.
„Mein Körper beteiligt sich", sagt der Künstler. „Die Hand, die Kraft, der Akt des Reibens." Das wurde ihm in den vergangenen Jahren wichtig. Bis 2022 hat Sally Frey fotografiert, was er sah. „Die Kamera trennte mich aber vom Geschehen. Ich stand hinter der Linse und konnte als Mensch nicht nah genug herankommen. Einfach Dokumentieren reicht mir nicht, ich möchte es fühlen." Jede dieser Fahrten gleicht einer künstlerischen Expedition.
Archiv der Erinnerungen
Was dabei noch entsteht ist eine andere Form des Gedenkens wie sein Archiv der Erinnerungsobjekte. Ein Aschenbecher. Ein Kleidungsstück. Eine Fotografie. Sally Frey führt Interviews mit Überlebenden und ihren Angehörigen aus ehemaligen DDR-Jugendwerkhöfen über die Dinge, die sie behalten haben oder behalten möchten. In diesen Gegenstände verdichtet sich das Leben, manchmal auch das Überleben. „Was nimmt ein Mensch mit sich, wenn ihm fast alles genommen wird?", fragt der Künstler.
Sally Frey sagt: „Ich glaube, dass Kunst neue Narrative schafft. Das brauchen wir jetzt, weil die Zeitzeugen sterben."
Atelierbesuche von 2017 bis heute
Die Kunstsammlung des Landes wächst stetig. Seit 1994 kauft MV Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern des Landes für die Nachwelt auf. Eine Kommission aus Experten aller Genres wählt Kunstschaffende aus und besucht sie in ihren Ateliers. Überblick über die Kunstschaffenden...

