04.01.2026

Laura Schönings Fragmente der Freiheit

Menschen stehen vor einer gelben Leinwand.
Austausch zwischen der Kunstkommission und Laura Schöning am Caspar-David-Friedrich-Institut: Das Land kauft die Installation „DDR Schlauchboot SB81 komplett 220€ VB“ für die Landeskunstsammlung an.

Historisches Archiv trifft digitale Gegenwart: Am Caspar-David-Friedrich-Institut in Greifswald erforscht Laura Schöning die Grenzen von Erinnerung und Technologie. Das Land MV kaufte ihre aktuelle Arbeit über DDR-Fluchtgeschichten für die Landeskunstsammlung.

Es beginnt mit einer Suche. Nicht im Museum, sondern im Digitalen. Ein Klick auf eBay-Kleinanzeigen, ein gebrauchtes Schlauchboot, „SB81 komplett 220€ VB“. Was für die einen wie eine belanglose alte Anzeige wirkt, wird für Laura Schöning zum Ausgangspunkt einer tiefen Recherche. Seit Sommer 2023 gräbt sie sich durch Schichten aus Stasi-Unterlagen, kombiniert Found Footage mit eigenen analogen Fotografien. Es ist eine künstlerische Expedition in die Grauzone zwischen dem dokumentierten Fakt und der heutigen Wahrnehmung.

Die Dynamik des Segeltuchs

Vier Meter Segeltuch. 150 Zentimeter Höhe. Ein massiver Siebdruck nimmt den Raum ein. Das Werk „DDR Schlauchboot SB81 komplett 220€ VB“ (2024) ist keine stille Malerei, es ist wie eine Performance aus Material und Licht. Ein Diaprojektor rattert, wirft Bilder an die Wand, während Tauwerk und Paddel die Szenerie erden.

Die Frage steht im Raum: Wie viel Inszenierung steckt in der Erinnerung? Laura Schöning bricht die Distanz. Die Flucht über die Ostsee präsentiert sie als haptisches Erlebnis. Es ist die Konfrontation mit der Materialität einer Vergangenheit, die plötzlich wieder greifbar und ungeschönt im Jetzt steht.

Zwischen Algorithmus und Erschöpfung

Szenenwechsel. 2023. Das Projekt „Days off“. Hier ist der Dialogpartner kein Archiv, sondern eine Künstliche Intelligenz. Laura Schöning fragt die KI nach Ruhe, nach Freizeit, nach dem Moment des Innehaltens. Doch das Gespräch driftet ab. Es geht um Pflegearbeit, um die Verteilung von Lasten, um die pure Erschöpfung.

Dazu kombiniert sie das glatte, nicht-menschliche Bildmaterial der KI mit den privaten, ungefilterten Schnipseln ihres Smartphone-Archivs. Es ist ein Spiel mit Nähe und Distanz. Während die Künstlerin die Grenzen der Technologie auslotet, erforscht sie gleichzeitig ihre eigenen. Eine dynamische Beziehung, die zeigt, wie fließend die Übergänge zwischen digitaler Unterstützung und menschlicher Belastungsgrenze heute verlaufen.

Plädoyer für Weltoffenheit

Am Ende steht die Erkenntnis, dass Geschichte und Gegenwart nicht getrennt voneinander existieren. Laura Schöning nutzt Material, um Brücken zu bauen zwischen Generationen, zwischen Mensch und Maschine, zwischen Ostsee und Seenplatte. Sie verhandelt Identität dort, wie sie entsteht: in der Reibung zwischen dem Dokumentarischen und dem Emotionalen. Es ist eine Form der Spurensuche ohne Stillstand. 

Vorne steht ein offener Koffer mit Ästen. ´Dahinter wird eine Animation eines Astes an eine Wand projeziert.
Digitale Konservierung in der Kunst: In „Ast 1-2“ untersucht Laura Schöning die Erfassung von Objekten. Die Arbeit zeigt die berührungslose Rekonstruktion eines Objekts mittels Digitalisierung.
Zwei Bildschirme lehnen an einer Wand. Davor steht ein Hocker mit Kopfhörern drauf.
Laura Schöning erforscht in „Days off“ die Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Die Arbeit verbindet ein Smartphone-Filmarchiv mit Bildmaterial aus Algorithmen.

Das ist Laura Schöning

Laura Schöning sitzt auf einem Stuhl vor einer gelben Leinwand.
Laura Schöning

Laura Schöning wurde 1998 in Bergen auf Rügen geboren. Nach einem Studium der Szenischen Künste an der Universität Hildesheim und einem Studienaufenthalt in Finnland lebt und arbeitet sie seit 2021 in Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2022 absolviert sie das Studium der Bildenden Kunst (M.A.) am Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald. Von 2022 bis 2025 ist sie Mentee im 5. Durchgang von mentoringKUNST. 2023 nimmt sie an der Summer School in der FRIEDA 23 in Rostock teil. 2024 gewinnt sie den Rostocker Kunstpreis.

Ihre Praxis verbindet Fotografie, Siebdruck und Installation mit digitaler Forschung. Sie untersucht Erinnerung, Archivierung und die Schnittstellen zwischen Mensch und Technik. Ihre Arbeiten sind Teil der Landeskunstsammlung Mecklenburg-Vorpommern.

Ausstellungen

Laura Schöning hat bereits an mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen teilgenommen. 

  • „Licht aus dem Dunkel", Kunstverein zu Rostock, 2024
  • „FIAT 500" Alumnae von mentoringKUNST, Galerie Circus Eins Putbus, 2024
  • „Berlain". räume.art Berlin, 2023
  • „Collision Art Festival", Jakobstad Finnland, 2023
  • „Zu Flucht", Galerie Hinter dem Rathaus Wismar

Atelierbesuche von 2017 bis heute

Blätter mit gezeichneten Gesichtern liegen übereinander auf einem Tisch.

Die Kunstsammlung des Landes wächst stetig. Seit 1994 kauft MV Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern des Landes für die Nachwelt auf. Eine Kommission aus Experten aller Genres wählt Kunstschaffende aus und besucht sie in ihren Ateliers. Überblick über die Kunstschaffenden...