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Hat die Kultur keine Lobby, Frau Martin?

Kulturministerin Bettina Martin

Mecklenburg-Vorpommerns Kulturministerin Bettina Martin spricht im Interview mit der Ostsee-Zeitung darüber, wie sie für den Fortbestand der Kultur im Land kämpfen will, weshalb die Branche wichtig ist und warum die Corona-Regeln nicht mit einem Berufsverbot gleichzusetzen sind. 

Frau Martin, hat die Kultur keine Lobby in Deutschland?

Bettina Martin: Doch, es gibt in Deutschland viele kulturbegeisterte Menschen. Gerade in MV haben wir eine vielfältige Kulturlandschaft, die ein Magnet auch für viele Menschen ist, die als Gäste zu uns kommen. Als Landesregierung wissen wir, was für ein großes Pfund das für unser Land ist. Deshalb haben wir auch in dieser Krise schnell reagiert und einen MV-Schutzfonds für Kunst und Kultur aufgelegt. Wir kämpfen dafür, dass in dieser schwierigen Zeit keine kulturellen Leerstellen entstehen.

Sie haben ein Eckpunktepapier vorgestellt, wonach Theater, Konzerthäuser und Opern im Land pro Gast zehn Quadratmeter Raum zur Verfügung stellen müssen. Intendanten, freie Theater und Betreiber von Clubs sind empört.

Zum Gesundheitsschutz müssen auch Theater und Konzerthäuser Hygienemaßnahmen einhalten. Wir haben uns nach den Hinweisen der Intendanten noch einmal damit auseinandergesetzt, wie wir unter diesen Voraussetzungen möglichst viel Theater ermöglichen können und den Erlass dahingehend geändert, dass wir das analog zu den Kinos regeln. Also mit der 1,50-Meter-Abstandsregel. Dann ist dieses Problem aus der Welt. Die zehn Quadratmeter-Regelung gilt damit hier nicht mehr.

Wie wollen sie der Kultur wieder auf die Beine helfen?

Wir müssen dafür sorgen, dass die Kultur durch diese schwierige Zeit kommt. Gerade für viele Kulturschaffende gibt es heute noch keine Perspektive, wann sie wieder in die Normalität zurückkehren können. Kultur ist kein nettes Extra, sondern elementar wichtig für unsere offene und demokratische Gesellschaft. Deshalb haben wir ein Förderprogramm auf sechs Säulen aufgestellt: Von institutionellen Einrichtungen wie Theatern und Museen über gemeinnützige Projekte wie Festspiele oder Usedomer Kunstverein bis zu gewerblichen Kulturschaffenden und freien Künstlern. Darüber können 20 Millionen Euro verteilt werden, damit sie uns nicht wegbrechen, auch wenn sie ihre Leistungen zurzeit nicht erbringen können. Dann gibt es Überbrückungsstipendien für freie Künstler und Soloselbstständige. Sie können 2.000 Euro als Unterstützung ihrer künstlerischen Aktivität erhalten, die nicht angerechnet werden auf die Grundsicherung, Außerdem werbe ich sehr dafür, dass die Sponsoren weiterhin an Bord bleiben. 

Haben Sie keine Sorge, dass weite Teile der Kulturlandschaft von MV vor dem Ruin stehen?

Es ist unser Ziel, dass exakt das nicht passiert. Deswegen haben wir den Schutzfonds eingerichtet. Ich halte es aber auch für ganz wichtig, dass Kunst und Kultur trotz der Corona-bedingten Einschränkungen bemerkbar macht. Die Gesellschaft braucht sie dringend, gerade in der Krise. 

Wie soll kleinen Kulturtreibenden geholfen werden, die seit Monaten ohne Einkünfte sind? Es gibt Künstler, die arbeiten jetzt als Krankenpfleger, fahren Blumen oder Pizzen aus oder sind in Hartz IV abgerutscht.

Für viele Künstler ist es wirtschaftlich gerade brutal, ich weiß. Doch wo es uns möglich ist, federn wir die schlimmsten Härten ab. Dafür gibt es erstmal 20 Millionen vom Land. Sehr viel Geld für ein kleines Land wie MV. Das ist ein wichtiges Signal und ein großer Schritt. Trotzdem bleibt es für einige Künstler sehr schwierig. Deshalb ist es wichtig, dass wir im Konjunkturprogramm mit Augenmaß handeln.

Das Konjunkturprogramm des Bundes?

Richtig. Dort ist eine Milliarde Euro on top für Kultur vorgesehen. Das wird uns auch in MV helfen. Ich setze mich auf Bundesebene sehr dafür ein, dass dieses Geld nicht allein in die Hotspots und Vorzeigeprojekte der Metropolen fließt, sondern unter den Ländern gerecht verteilt wird.

Wie wird das verteilt – über das föderale System?

Da wird gerade verhandelt. Ich wäre dafür, dass über den Königsteiner Schlüssel zu machen, der festlegt, wie die einzelnen Länder nach Steueraufkommen und Bevölkerungszahl an Finanzierungsprojekten beteiligt werden.

Haben sie Verständnis dafür, dass Kulturtreibende von einem Berufsverbot sprechen und sich im Stich gelassen fühlen?

Ich habe großes Verständnis für die Sorgen der Kulturschaffenden. Aber von Berufsverbot zu sprechen, wäre falsch. Wir tun gerade alles dafür, dass trotz Corona so viel Kunst wie möglich stattfinden kann. Ich hätte mir gewünscht, dass wir über das Konjunkturprogramm des Bundes auch die Möglichkeit kriegen, einzelne Künstler individuell zu unterstützen. Aber das ist leider nicht erfolgt. Aber, auch wenn es vielen schwerfällt: Die Grundsicherung, die hier Anwendung findet, ist anders als das Hartz IV, das man sonst kennt. Man muss sich nicht arbeitslos melden und Vermögenswerte werden bis zu einem hohen Wert nicht angerechnet. 

Ich glaube, wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass die Pandemie vorbei ist. Das merken wir derzeit, wenn Infektionsherde wieder aufflammen wie in Gütersloh. In geschlossenen Räumen wie Theatern ist die Gefahr nun mal größer. Deshalb benötigen wir weiterhin besonderen Gesundheitsschutz. In MV ist es uns sehr erfolgreich gelungen, das Infektionsgeschehen zu minimieren. Deshalb ist es auch gut, dass Theater, Museen, Konzerte, Kino wieder Kunst auf die Bühne oder die Leinwand bringen. Ich finde es wunderbar, dass die Kulturszene in MV so kreativ agiert und Wege findet, sich auszudrücken. Ob draußen oder digital. Dafür möchte ich auch mal Danke sagen. Den Künstlern fehlt etwas, aber auch der Gesellschaft fehlt etwas. Deswegen war es mir wichtig, dass wir Theater und Museen wieder öffnen. Kultur ist keine reine Deko. 

Wie sieht es mit gewerblichen Betreibern aus?

Dieser Punkt ist mir sehr wichtig. Es gibt diese Szene, um die ich mir große Sorgen mache: Clubs und Live-Spielstätten. Die haben sehr viel mit Jugendkultur zu tun. Wie helfen wir denen? Ich habe sehr dafür gekämpft, dass das im Konjunkturprogramm des Bundes verankert wird. Und das ist uns geglückt.

Das Interview ist am 26. Juni 2020 auf www.ostsee-zeitung.de erschienen. Die Fragen stellte Michael Meyer.