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24.04.2016

Doch so etwas wie ein Wenderoman

Nicht so viel „Aufhebens“ machen, dürfte eine wesentliche Eigenschaft von Mecklenburgern sein. Zumindest trifft sie auf den Schriftsteller Gregor Sander zu.

Dass er nach mehreren Veröffentlichungen in der „ersten Liga“ der bundesdeutschen Schriftsteller angekommen ist, wie seine Kollegin Judith Hermann einmal feststellte, veranlasst ihn nicht, damit hausieren zu gehen. Sander schreibt weiter an seinen Büchern, die er in gemessenen Abständen veröffentlicht.

Gregor Sander lebt in Berlin, verwurzelt ist er allerdings in Mecklenburg-Vorpommern. 1968 wird Sander in Schwerin geboren. Dort wächst er auf und geht zur Schule. Prägend wird für ihn dann eine andere Stadt: Rostock. Dorthin zieht er, als er sich entschließt, Medizin zu studieren. Doch der Elan hält nicht lange, der Drang, Schriftsteller zu werden, ist größer. Gregor beendet sein Studium nach einigen Semestern und geht nach Berlin. An die Humboldt-Uni.

Schmaler Band im großen Rowohlt-Verlag

Sander schreibt, veröffentlicht in Zeitschriften, 2002 schließlich erscheint sein erstes Buch. Ein schmaler Band im großen Rowohlt-Verlag, Titel: „Ich aber bin hier geboren“. Wer literarische Texte gern mit der Biografie des Autors abgleicht, geht bei Sander in die Irre. Das Buch enthält Erzählungen, die an verschiedenen Orten angesiedelt sind, im Osten wie im Westen, der Titel verweist keineswegs auf die Herkunft des Verfassers. Vielmehr geht es darum, die eigene Verwurzelung egal an welchem Ort zu reflektieren und liegengebliebene Konflikte auszufechten.

In diesem Buch prägt Sander seinen zurückhaltenden Erzählstil. Der Autor ist nicht nur ein ruhig und besonnen auftretender Mensch, er schreibt auch so. Er tastet sich behutsam an seine Figuren heran, niemals eindimensional. Das gilt für seine folgenden Bücher, den Erzählband „Winterfisch“ (2011), den Roman „Abwesend“ (2007). Letzterer spielt in Schwerin, wo die Hauptfigur in die Vergangenheit hinabsteigt und um Beispiel bei den Ereignissen der Wende von 1989 ankommt.

Von Gregor Sander einen „Wenderoman“ zu erwarten, wird seinem schriftstellerischen Ansatz nicht gerecht, denn diese Art der Wirklichkeitsverarbeitung oder gar Aufarbeitung ist nicht seine Sache. Aber Sander lässt seine Figuren in konkreten Zeiträumen agieren, und die liegen auch schon mal vor dem Fall der Mauer.

Eine Geschichte von Verletzungen

Sein neuester, sehr gefeierter Roman „Was gewesen wäre“ wagt sich an eine Damals-Heute- und Ost-West-Perspektive. Womit Sander dann doch so etwas wie ein Wenderoman gelingt. Auch in diesem Buch erkundet eine Figur ihre Vergangenheit, eine Ärztin um die 40 begegnet bei einem Budapest-Besuch einem Geliebten von früher. Es entfaltet sich eine Geschichte von Verletzungen in der DDR, in Neubrandenburg, von Freundschaft und Stasi, vom Ankommen in der gesamtdeutschen Gegenwart..

Schließlich gibt Gregor Sander auch Auskunft über sein eigenes Scheiben – in dem „Tagebuch eines Jahres“ (2014). Ein Jahr lang führte der Autor Tagebuch, in dem er den Zeitgeist ebenso festhält wie die Fort- und Rückschritte der eigenen Arbeit am Roman.

Das Tagebuch erzählt auch von der glücklichen Aufnahme Sanders in die deutsche Fußballnationalmannschaft – der Schriftsteller. Und die hält den aktuellen Europameistertitel.

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