Neue Heimat für 867 Jahre Geschichte


Archivdokumente aus dem Jahr 1158, bronzezeitliche Funde, Kunstwerke aus mecklenburgischen Schlössern – bislang lagerten die Kulturgüter des Landes verstreut an Dutzenden Standorten. Seit Freiztag haben sie eine gemeinsame Adresse: das Depot in Schwerin.
Ein überdimensionaler Symbolschlüssel wechselt am Freitag vor dem Eingang in der Johannes-Stelling-Straße die Hände. Finanz- und Digitalisierungsminister Dr. Heiko Geue übergibt ihn an Kulturministerin Bettina Martin. Damit beendet er einen Zustand, der die Kulturpflege in Mecklenburg-Vorpommern seit Jahrzehnten geprägt hat: Bestände hier, Fachleute dort, Werkzeuge irgendwo anders.
Das neue Depot in Schwerin macht damit Schluss. Auf rund 20.000 Quadratmetern – etwa drei Fußballfelder – vereint der für rund 85 Millionen Euro errichtete Neubau erstmals die wesentlichen Bestände des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege (LAKD) und der Staatlichen Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen (SSGK) unter einem Dach. Rund 91.000 Regalmeter stehen zur Verfügung – aneinandergereiht entspricht das der Strecke von Schwerin nach Rostock.
Vom Fundstück zum 3D-Modell
Wer durch das Gebäude geht, versteht schnell: Das hier ist kein klassisches Archiv. Über eine gesicherte Eingangsschleuse mit Lastkran treffen archäologische Funde ein und können im selben Haus direkt gereinigt, vermessen, per Handscanner dreidimensional erfasst und restauriert werden. Eine Röntgenanlage und Kühlzellen für besonders empfindliche Objekte gehören zur Standardausstattung.
Papierrestauratorin Ulrike Schneider zeigt Grafiken und Zeichnungen aus den Kunstsammlungen, vorsichtig mit Handschuhen bewegt, auf einem langen Tisch ausgebreitet. Einen Raum weiter gibt es aufgeschlagene Archivmappen, historische Urkunden mit Wachssiegeln, handgeschriebene Verfassungstexte in gesicherter Aufbewahrung. Es sind Objekte, die selten so nah beieinanderliegen.
Landesgeschichte endlich an einem Ort
Das Landesarchiv führt hier die schriftliche Überlieferung des Landes von 1158 bis 2025 zusammen: Flurbücher, Amtsakten, Urkunden. Was Jahrhunderte getrennt lagerte, rückt nun zusammen. Für externe Forscherinnen und Forscher gibt es einen eigenen Vorlageraum: halböffentlich, zugänglich, nutzbar. Nur das Historische Archiv Pommern verbleibt im vorpommerschen Landesteil.
„Dieses neue Archivgebäude ist eine moderne Schatztruhe für die kulturelle Identität unseres Landes", sagt Kulturministerin Bettina Martin. „Forschungsgeräte, Bestände, Werkstätten und alle Mitarbeitenden unter einem Dach zu haben, wird ein viel besseres Arbeiten und auch intensivere Forschung ermöglichen." Für das LAKD und die SSGK sei das, so Martin, eine erhebliche Verbesserung gegenüber dem bisherigen Zustand.
Der Umzug läuft bereits seit Oktober 2025 und wird etwa zwei Jahre in Anspruch nehmen. Bislang angemietete Ausweichstandorte wie Schloss Wiligrad und Schwerin Süd werden schrittweise aufgegeben.
Gebaut für die Zukunft – und für die Region
Der Neubau übererfüllt aktuelle Energiestandards deutlich: Photovoltaik, Fernwärme, begrünte Dachflächen und Wärmerückgewinnung sollen jährlich rund 225 Tonnen CO₂ einsparen. Von 99 beteiligten Handwerksbetrieben kamen 64 aus Mecklenburg-Vorpommern. 65 Prozent der Gewerke blieben im Land.
„Dieses Gebäude ist weit mehr als ein klassisches Depot", sagt Minister Geue. Es vereint, was selten zusammenpasst: maximale Sicherheit für empfindliche Kulturgüter und eine offene, funktionale Arbeitsumgebung für die Menschen, die sie pflegen.





