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Barrierefreie Kunst zum Ertasten

Der „Junge mit Taube“ am Pfaffenteich. „Die Ruhende“ vor der Schelfkirche. Die barrierefreie Ausstellung „Schweriner Schwergewichte. August-Martin Hoffmann 1967-1985“ erinnert im Schleswig-Holstein-Haus an den Bildhauer. Das Besondere: Menschen mit Handicap können Kunst ertasten.  

Ein Autounfall riss August-Martin Hoffmann im Jahr 1985 aus dem Leben und künstlerischen Schaffen. Kaum ein anderer regionaler Künstler hinterließ im 20. Jahrhundert ein so umfangreiches Werk im öffentlichen Raum der Landeshauptstadt. Der gebürtige Baden-Württemberger wirkte seit 1967 in Schwerin.

Sein Name ist dem kollektiven Gedächtnis nahezu entfallen. Die aktuelle Ausstellung erzählt noch bis 12. Februar von seinem Schaffen – dank einer großzügigen Schenkung des künstlerischen Nachlasses durch die Nachkommen August-Martin Hoffmanns an die Stadt Schwerin.

Kurator Dr. Jakob Schwichtenberg zeigt erstmals diese bisher wenig beachtete regionale Facette der DDR-Kunst vor dem Hintergrund der jüngeren Stadtgeschichte.

Kunst zum Anfassen für mehr Teilhabe  

Das Besondere: Menschen mit Handicap erleben die Kunst barrierefrei. Dafür fertigten Kreative Einzelstücke in der Kreativwerkstatt des Diakoniewerks.

„Die Tastmodelle aus der Kreativwerkstatt haben auch für Menschen mit voller Sehkraft etwas Unsichtbares wieder zum Vorschein gebracht. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Barrierefreiheit nicht allein Menschen mit Handicap zugutekommt, sondern uns alle bereichert“, sagte Oberbürgermeister Rico Badenschier.

„Schön Irre Schön"

Die Kreativen machten die von August-Martin Hoffmann für den Stadtteil Lankow entworfenen Giebelstrukturplatten wieder sichtbar. Diese Fassadendetails gehörten seit der Mitte der 1960er Jahre zu den Merkmalen der architekturgebundenen Kunst der DDR. Sie fanden auch bei Wohnungsbaubetrieben außerhalb des Bezirks Schwerin Verwendung, verschwanden aber nach der Wiedervereinigung zumeist unter der modernen Wärmedämmung. So auch in Lankow.

Keine der Strukturplatten ist heute noch im Original sichtbar. Die Mitglieder der Kreativwerkstatt „Schön Irre Schön“ rekonstruierten die Reliefplatten als Tastmodelle anhand der erhaltenen Entwürfe und zeitgenössischer Fotos – als Kunst zum Anfassen. Doch auch viele der ausgestellten Plastiken dürfen im Schleswig-Holstein-Haus ertastet werden.

Bis heute erhalten sind die von Hoffmann entworfenen Beton-Strukturwände, die zur Abschirmung von Innenhöfen in Lankow gedacht waren. In der Ausstellung ist eine von der Kreativwerkstatt aus Yton nachgestaltete Formsteinmauer des Modells „Wabe“ zu sehen. Eine solche Mauer wurde als Begrenzung auch am Nordufer des Pfaffenteichs errichtet.

Dort stand übrigens bis zu seinem Umzug auch der „Junge mit Taube“. Dem Kind mit der Friedenstaube hat es sichtlich gutgetan, dass es vom hohen Sockel gehoben und heute auf Augenhöhe mit dem Betrachter steht. So konnte der Junge zum beliebten Fotomotiv von Schwerin-Besuchern werden – und zum Liebling der Kinder.

Führungen für Menschen mit Handicap

Das Schleswig-Holstein-Haus ist für Menschen mit Gehbehinderungen barrierefrei über einen Aufzug zugänglich. „Ende Januar 2023 wird es in der Hoffmann-Ausstellung spezielle Führungen für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung geben“, berichtet Schwerins Beauftragte für Senioren und Menschen mit Behinderungen Ines Hennings. Auch außerhalb dieser speziellen Führungen können Audio-Erklärungen über QR-Codes abgerufen werden. Und nicht nur im „Schaudepot Hoffmann-Atelier“ sind die Exponate auf den knallroten Sockeln so platziert, dass sie für Menschen im Rollstuhl bequem umrundet werden können.

Wer ein kleines Souvenir aus der Ausstellung mitnehmen möchte, kann kleine Gipsmodelle von Tierplastiken für 2 Euro an der Kasse erwerben. Außerdem lohnt es sich, auch die Ausstellung der Koreanerin Iden Sungyoung Kim in der kleinen Galerie im Erdgeschoss zu besichtigen: Die Arbeiten der Preisträgerin des Young Artist Förderpreises für Bildende Kunst der Schweriner Jazznacht decken anhand einer persönlichen Geschichte aus dem familiären Umfeld der Künstlerin auf, was in Bezug auf Körper und Geist in unserer Gesellschaft als normal definiert wird – und was nicht. Mit ihren fotografischen und filmischen Arbeiten möchte die Künstlerin helfen, gesellschaftliche Diskurse über körperliche und geistige Beeinträchtigung besser zu verstehen. Wer darüber mit Iden Sungyoung Kim selbst ins Gespräch kommen möchte, ist schon jetzt herzlich eingeladen zum Künstlerinnen-Gespräch am 18. Februar 2023 um 14.00 Uhr im Schleswig-Holstein-Haus.